Das Volk ist der Held

Michael Richters beeindruckende Studie zur Friedlichen Revolution

Michael Richters Buch

Die Revolution auf 1600 Seiten, © Vandenhoeck & Ruprecht

Jede Darstellung der Friedlichen Revolution hat ihren heimlichen Helden. Bei dem einen ist es die Kirche, bei dem anderen sind es die Bürgerrechtler, bei dem nächsten die Flüchtlinge, Gorbatschow oder sogar Helmut Kohl. Das durchweg Sympathische an Michael Richters Buch über die Revolution ist der Held: das Volk.

Vielleicht wäre es sogar präziser zu sagen: die sächsische Bevölkerung. Denn ihren mutigen Protesten widmet der Michael Richter eine umfassende 1600-seitige Darstellung. Um dem Handeln der Bevölkerung gerecht zu werden, geht der Autor in die Tiefe der Akten und in die Breite des Landes Sachsens.

Richter verfolgt mit genauen quantitativen Analysen Größe, Datum und Zahl der Demonstrationen in den ehemaligen Bezirke Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt, untersucht die Einsätze der Polizei und der Stasi, gibt Einblick in die Strategien der SED und beschreibt detailgetreu, nach Bezirken geordnet (so dass man je nach Interesse auch die Details überspringen kann), wann und wo sich die Menschen auf den Straßen, Plätzen oder entlang der Strecke des Ausreisezuges von Prag versammelten. Sachsen erweist sich dabei als "Schrittmacher der Revolution".

Auf diese Weise wird sichtbar, wie sich die Revolution als Flächenbrand ausbreitete, dass sie sich noch in den kleinsten Landesteilen, auch und gerade in der Provinz, ereignete. Ganz ähnlich verfolgt er die Ausbreitung der Runden Tische auf den verschiedenen Ebenen und vernachlässigt nicht die Stimmung auf den Straßen. So erfasst die Darstellung die zunehmende Polarisierung zwischen Einheitsforderung und Reformbemühen, zwischen den Mühen der Demokratisierung und den nationalen Hoffnungen auf die deutsche Einheit auf der Straße.

Indem Richter den Blick nicht nur auf die Zentren richtet, gelingt es ihm die Tiefendimension der revolutionären Vorgänge darzustellen. Die Bedeutung Dresdens oder Leipzig wird dadurch nicht geschmälert, aber es wird so erst verständlich, welche breite Basis die Revolution hatte und dass das revolutionäre Potential in Plauen oder einem sächsischen Dorf relativ betrachtet sogar größer war.

Nun bleibt Richter allerdings keineswegs in der Provinz stecken, sondern schafft es darüber hinaus in einer klaren Gliederung auch die nationalen und internationalen Entwicklungen abzubilden. Durch Zusammenfassungen lässt sich so auch ein Überblick über das Geschehen gewinnen, ohne ins Detail gehen zu müssen. Diese Klarheit der Darstellung vom Großen ins Kleine und vom Kleinen ins Große zeigt eine erstaunliche Kenntnis und Fähigkeit des Autors, bei allen Details den Blick fürs Ganze nicht zu verlieren.

Von der Wahlfälschung bis zu den Volkskammerwahlen bietet das Buch eine genaue, gut lesbare und fundierte Darstellung der Entmachtung der SED und des heldenhaften Handelns einer selbstbewussten Bevölkerung. Bis auf weiteres wird Michael Richters Studie ein unverzichtbares Buch für Laien und Historiker sein, die wissen wollen, wie sich der Umbruch ereignete.

Jochen Thermann

Anmerkung der Redaktion: Im November 2010 wurde Michael Richter wegen seiner Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit vom Hannah Arendt-Institut für Totalitarismusforschung entlassen.

Michael Richter: Die Friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90, Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, 1.611 S. mit 27 grafischen Darstellungen, 2. Tabellen, 4 Karten u. 71 Fotos, Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung Bd.38, 59,90 € ISBN-13: 978-3-525-36914-2

 

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