Umschwung Ost

Die "Posaunen der Partei" lassen Mitte Oktober 1989 neue Töne hören

Umschwung Ost

Foto: Lochmann, BuArchiv 183-1989-1020-025

Im Oktober 1989 passiert etwas in der ostdeutschen Presselandschaft: Zeitungen, Radio und Fernsehen öffnen sich plötzlich für die Positionen der DDR-Kritiker. Der Grund: Am 19. Oktober 1989 wird die für die Presse-Zensur zuständige Abteilung Agitation im ZK der SED aufgelöst. Der Umschwung kündigt sich bereits Tage vorher an: In der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" ist auch mal ein kritisches Wort zu hören und der DDR-Nachrichtendienst ADN berichtet erstmals von der Leipziger Montagsdemo.

Am 17. Oktober 1989 verbreitet der ADN die folgende Meldung, die unter anderem im Neuen Deutschland erscheint:

"Nach Friedensgebeten in fünf Leipziger Kirchen trafen sich am Montag Zehntausende Bürger der Messestadt sowie aus dem Bezirk Leipzig und aus angrenzenden Territorien zu einer Demonstration. Der Zurückhaltung der Sicherheitskräfte und der eingesetzten Ordnungskräfte sowie der Demonstranten ist es zu danken, daß es zu keinen Ausschreitungen kam."

Auch in der DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera – ihrem Selbstverständnis nach "TV-Abteilung" bzw. "Posaune" der Partei – ist der Stimmungswechsel schon Mitte Oktober spürbar. So wird in der Nachmittagssendung vom 12. Oktober kurz erwähnt, dass die Akademie der Künste und der Kulturbund für Erneuerung, Offenheit, Öffentlichkeit und mehr Demokratie eintreten, am 14. Oktober darf ein Arbeiter in der Nachrichtensendung sogar die Berichterstattung der Aktuellen Kamera und die Medienpolitik der DDR kritisieren.

Am 17. Oktober geht in der Redaktion der Aktuellen Kamera schließlich ein Anruf von Heinz Geggel, dem Leiter der Abteilung Agitation, ein: Geggel fordert einen ausgewogenen Bericht über eine Studentenversammlung an der Humboldt-Universität zu Berlin, der nicht nur FDJ-Stimmen enthält. Am selben Abend berichtet die Aktuelle Kamera nicht nur von der studentischen Diskussionsveranstaltung, sondern kommentiert auch die Montagsdemonstration vom Vortag. Auch hier ist ein Wandel spürbar.

Anders als am 9. Oktober 1989, als die Demonstranten noch als vom Westen ferngesteuerte "Randalierer" verfemt wurden ("Es steht fest, dass die Randalierer, zumal ferngesteuert, hier niemanden repräsentieren, allenfalls sich selbst; insofern werden sie keine Chance haben."), kommentiert Lutz Herden die Montagsdemo vom 16. Oktober in der Aktuellen Kamera vom 17. Oktober mit den Worten: "Insofern nehmen wir als Journalisten den gestrigen Tag als Signal, die begonnene Aussprache noch tiefgründiger, entschlossener und ergebnisorientierter zu führen."

Noch immer setzen die Journalisten in Zeitungen, Radio und Fernsehen ihre Worte vorsichtig, noch immer zeigen sie keine Bilder von den Demonstrationen, aber auch in der DDR-Presse wird die Revolution immer spürbarer .

Miriam Menzel

Zum Weiterlesen und Nachhören:

- MDR-Lexikonartikel zur "Presse in der DDR. Auflagen - Journalisten - Zensur"

- Themendossier des Deutschen Rundfunkarchivs zur Berichterstattung der Aktuellen Kamera über die Ereignisse im Oktober 1989 mit Archivnachweisen und Hörzitaten

- Erinnerungen des AK-Nachrichtensprechers Michael Schmidt zu den Umbrüchen 1989

 


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