Damals vor der Revolution

Ein neuer Foto-Text-Band führt zurück in den DDR-Alltag der 1980er Jahre

Cover Rebellion der Bilder

Die sanfte Rebellion der Bilder, Primus Verlag

Merkwürdig ruhig ist es auf den Bildern, die der Warnemünder Fotograf Siegfried Wittenburg in den letzten Jahren der DDR aufgenommen hat. Es sind Standbilder ohne Bewegungsunschärfe, Still-Leben aus einem Land am Ende der Geschichte.

Leise bröckeln die Fassaden, tonnenschwer und unverrückbar stehen die Denkmäler, und Ostsee-Urlauber schauen unbewegt aufs Meer hinaus. Diese Fotografien lassen kaum etwas von der Geschwindigkeit erahnen, mit der die DDR im Herbst 1989 zerfiel. Keine Spur aber auch von der romantischen Melancholie, mit der sich mancher DDR-Künstler den Zumutungen der Propaganda und den Risiken der Kritik entzog. Spektakulär oder vordergründig subversiv ist keines dieser nüchternen Schwarz-Weiß-Fotos, und vielleicht erfassen sie gerade  deshalb das Wesen des alltäglichen DDR-Sozialismus.

Wittenburgs Bilder sind die unpathetische Bestandsaufnahme eines Foto-Ethnologen, der zwischen privater Teilhabe und professioneller Beobachtung changiert. Cover Wolle Wittenburg Sanfte RebellionBilder aus dem Familienalbum wechseln mit solchen, die – mit einer anderen Unterschrift versehen – auch in  den DDR-Zeitschriften "Wochenpost" oder "NBI" ihren Platz gefunden hätten. Sie zeigen ein Land, das sich irgendwo zwischen Kollektiv und Kleingarten eingependelt hatte.

 

Tiefenschärfe und Kontrast gewinnen sie durch den Text, den der Historiker Stefan Wolle mit erfrischend unakademischer Spottlust und einem scharfen Blick fürs Detail präzise auf die Fotovorlagen abgestimmt hat. Auf wenigen Seiten entfaltet der in Halle geborene Historiker ein facettenreiches – auch von mancher privater Erinnerung geprägtes – DDR-Panorama, das sich nicht in der Gegenüberstellung von "Stacheldraht und Gartenzwergidylle" erschöpft.

Wolle beschreibt eine Diktatur der Grenzen, in der die Mauer zur Lebensform wurde und in der die schweigende Mehrheit ihr kleines Glück in genormten Kleinbürgerstuben und akkurat gepflegten Laubenpieperparzellen suchte. Der Historiker ist ein ebenso sorgfältiger wie subjektiver Beobachter; sein Urteil ist nicht nüchtern, sondern von der Lust an der Pointe und dem Spiel mit der Sprache bestimmt. Das kommt dem Buch zugute, wird aber nicht allen gefallen. Die DDR-Stadtplanung als Fortsetzung des "antifaschistischen Schutzwalls" mit anderen Mitteln zu beschreiben ist starker Tobak – für den einen eine giftige Zumutung, für den anderen ein anregender Genuss.

Andreas Stirn

 

Siegfried Wittenburg/Stefan Wolle: Die sanfte Rebellion der Bilder, Primus Verlag, 2008, 144 S. mit ca. 100 s/w-Abb., gebunden, 29,90 EUR.

Zurück

Ähnliche Artikel :

"Die Überwindung der Angst"


Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte