Ein Appell gegen das Vergessen

Herta Müllers Literatur und die rumänische Öffentlichkeit

Herta Müllers Roman "Atemschaukel"

"Atemschaukel" erzählt von der Deportation Rumäniendeutscher, © Hanser

Mit Herta Müller hat die Schwedische Akademie dieses Jahr eine Autorin geehrt, die, so die Begründung, "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit zeichnet". Welcher konkreten historischen Realität diese Landschaften erwachsen sind, benennt eindringlich die rumänische Presse und erklärt den diesjährigen Nobelpreis für Literatur zum "Nobel gegen die Securitate".

Herta Müller wurde 1953 als Banater Schwäbin in Nitzkydorf, Rumänien geboren, in einer ethnischen Spurenlandschaft der k. u. k. Monarchie. Ihre Jugend fiel in eine Zeit, als das Ceausescu-Regime eine zunehmend isolationistische Politik betrieb und gleichzeitig den Repressionsapparat ausbaute. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buchs, der "Niederungen", 1982 in Rumänien in zensierter Fassung, war Herta Müller der Bespitzelung und Diffamierung durch die Securitate ausgesetzt. Darüber sprach sie dieses Jahr offen in der Zeit, davon legt auch ihr Prosawerk auf vielfache, auch stumme Weise Zeugnis ab.

"Niederungen" lässt die enge, bedrückende Welt Banater Dörflichkeit erstehen, es zeugt von einer Realität im politischen und menschlichen Abseits. Hier, in den lebensweltlichen Niederungen einer entlegenen, deutschen Enklave, die auf "Gehorsam, Ordnung, Sauberkeit, Fleiß, Frömmigkeit und der 'Tracht im Gehirn' aufgebaut ist", wird schon die Unheimlichkeit geschichtlichen Vergessens spürbar.

In ihren späteren Schriften blickt Herta Müller dem Bösen des kommunistischen Regimes unverwandt ins Argusauge. Der 1992 erschienene Roman "Der Fuchs war damals schon der Jäger" macht den Alltag in einem totalitären System zum Thema. Ihre wohl bekannteste Prosaschrift "Herztier" (1994) beschreibt das Leben einer Oppositionellen in Rumänien. Mit "Atemschaukel" schließlich, ihrem kürzlich erschienenen Roman, bettet die Schriftstellerin ein weiteres, verschüttetes Kapitel rumänischer Geschichte aus: die Deportation Rumäniendeutscher in sowjetische Arbeitslager nach 1945. Immer wieder setzt ihre Prosa der Geschichtsvergessenheit, die gerade in Rumänien Tradition hat, ein entschiedenes Veto entgegen. Auch deshalb versteht die rumänische Presse ihre Ehrung durch die Schwedische Akademie als politische Zeichensetzung.

"Der Antikommunismus", schreibt das Tagesblatt "Cotidianul", „hat seit Donnerstag einen klangvollen Namen: Herta Müller." In einem Land, wo das Nachdenken über die Ceausescu-Zeit durch die Verschleierungen der korrupten, altkommunistischen Oligarchie nur mühsam vorantappt, ist dieser Ausruf Programm. Der CNSAS etwa, der Nationale Rat zur Aufarbeitung der Securitate-Archive, wurde seit seiner späten Gründung 1999 in seiner Tätigkeit behindert, in seinen Kompetenzen beschnitten und musste zwischenzeitlich durch den Sumpf der Parteienrivalitäten waten. Seine Enttarnungen blieben zudem für die ehemaligen Spitzel und Kollaborateure juristisch meist folgenlos. Dabei schien die paradoxe Rechnung zu gelten: Je höher die Position des ehemaligen Securitate-Mitarbeiters, desto höher sein Gewicht in der Nachwendegesellschaft, desto größer seine Immunität.

Doch auch in gesellschaftsmoralischer Hinsicht blieben die Enttarnungen des CNSAS meist unerheblich. Mit achselzuckender oder fachlich begründeter Nachsicht nahm beispielsweise die intellektuelle Öffentlichkeit die Securitate-Mitarbeit führender, rumänischer Wissenschaftler zur Kenntnis. Es ist wiederum Herta Müller, die aktuell über die Aufarbeitung in Rumänien mit Nüchternheit und Schärfe Bilanz gezogen hat: "Der Geheimdienst Ceauşescus, die Securitate, hat sich nicht aufgelöst, sondern nur umbenannt in SRI (Rumänischer Informationsdienst). Außer Diplomat kann ein Exspitzel in Rumänien heute alles sein." Das weiß in Rumänien jeder, in dieser fordernden Deutlichkeit sprechen es jedoch die wenigsten aus.

Ob literarisch oder öffentlich, Herta Müllers Wort ist ein Wort der kompromisslosen Wahrheit. Es ist die Wahrheit über ein Regime, das wie eine kopflose Hydra einen Teil der politischen und wirtschaftlichen Realität Rumäniens nach wie vor in ihren verkrusteten Fangarmen hält. Weil sie unbeirrbar auf deren Nachleben aufmerksam macht, das die junge rumänische Demokratie unterhöhlt, ist Herta Müller auch eine große Intellektuelle. Dafür dass sie eine große Schriftstellerin ist, wurde ihr dieses Jahr der Nobelpreis für Literatur verliehen. Wir beglückwünschen sie und wir freuen uns mit!

Carmina Peter

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