"Die Überwindung der Angst"

Ehrhart Neuberts "Unsere Revolution" – Eine Gesamtdarstellung

Demonstration am 4. November 1989

Bundesarchiv Bild 183-1989-1104-006, Foto: Peter Zimmermann

"Die Überwindung der Angst" ist für Ehrhart Neubert in seinem 440 Seiten starken Buch "Unsere Revolution" der alles entscheidende Grund für das Gelingen des Umsturzes in der DDR im Herbst 1989. Der studierte Theologe und frühere Bürgerrechtler schreibt aus einer doppelten Perspektive über das Ende der DDR. Er ist akademischer Beobachter und Protagonist der Opposition. Das ist auch zugleich Stärke und Schwäche des Buchs.

"Die Überwindung der Angst war 1989 der eigentliche Zündpunkt der Revolution. Wer Angst hatte, ging nicht auf die Straße, der wollte vielleicht im Westfernsehen angucken, was bei ihm unter dem Haus passierte. Aber ... war die Angst erstmal gebrochen, war es auch die Macht der SED."

So resümierte Ehrhart Neubert vor einiger Zeit in einem Rundfunkinterview das Ende der SED. In seinem Kompendium "Unsere Revolution" stellt er jetzt eine sehr anschauliche Chronologie der Revolution zusammen. Und dass der Umsturz für Neubert eine Revolution war, daran lässt er zu keinem Zeitpunkt Zweifel aufkommen. Letztlich geht er in seinem Buch noch einen Schritt weiter. Der revolutionäre Prozess umfasst aus seiner Sicht zwei Revolutionen: Die Entmachtung der SED und die rasante Wiedervereinigung.

Den Titel "Unsere Revolution" erklärte er im Interview mit diesem Magazin unter anderem mit der identitätsstiftenden Bedeutung der ersten erfolgreichen Revolution auf deutschem Boden für die heutige Gesellschaft in Ost – und West.

Die großen Stärken des Buchs sind die Nähe zu den Ereignissen, die plastische Darstellungsform und die ungezählten Belege aus Stasi-Akten, Zeitzeugengesprächen, Erlebnisberichten und eigenen Beobachtungen.

Um dem Leser die Ausgangslage am Ende der 1980er Jahren in der DDR erfahrbar zu machen, beschreibt Neubert knapp die frühe Arbeit der Basisgruppen und Initiativen, die häufig unter dem Dach der Kirche die wenigen minimalen Freiräume geschickt nutzten.

Zudem beschreibt er skizzenhaft gesellschaftliche Stimmung und Repression seitens der SED-Führung. Daran schließt eine detaillierte Chronologie der Revolution an. Friedensgebete, Montagsdemonstrationen, 40. Jahrestag der DDR, Erstürmung der Stasi-Zentrale.

Der Leser ist regelrecht mitgerissen, immer in der Nähe des Geschehens, mitten in den Turbulenzen der Revolution. Neubert gelingt es, die vielen Ereignisse die sich in der DDR in den Herbst- und Wintermonaten 1989/90 abspielen, zu einem klaren Gesamtbild zusammenzusetzen.

Er nennt Städte und Orte erster Demonstrationen, schildert präzise die Abläufe der Ereignisse in Berlin am 6., 7. und 8. Oktober 1989, beschreibt die Vorgänge in Leipzig zwischen dem 2., 9. und 16. Oktober 1989 oft so minutiös und gekonnt, dass es einem Krimi nahekommt. Es folgen die runden Tische, der Kampf um die Stasi-Akten und später das Ringen der Oppositionsgruppen um gemeinsame Ziele, die Restaurationversuche der SED und der Wahlkampf im Februar und März 1990.

Anders als andere Autoren erstreckt sich für Neubert der revolutionäre Prozess über die erste Volkskammerwahl am 18. März 1990 hinaus und setzt sich nicht zuletzt mit der raschen Währungsunion im Mai fort. Eine Position, die kontroverse Reaktionen hervorrufen wird.

Den guten Gesamteindruck trübt der zuweilen sprunghafte Wechsel der Erzählerperspektive. Gerade noch werden uns politische Kämpfe am runden Tisch mit der analytischen Distanz des Historikers vorgetragen, schon folgt im nächsten Absatz eine irritierende Ich-Perspektive, die zwar mit fesselndem Insiderwissen auftrumpfen kann, aber Leserhythmus und Wirkung der übrigen Passagen stark verändert. Hier hätte man sich von Ehrhart Neubert mehr Entschlossenheit gewünscht. Entweder die Historikerperspektive konsequenter beizubehalten oder, was sinnvoller scheint, die Rolle als Akteur der damaligen Ereignisse noch wesentlich stärker einzublenden. 

Auch wirken offenkundige Sympathien für Helmut Kohl etwas überdosiert, ebenso hätte man sich ein Wort zur Treuhand gewünscht. Andererseits machen ungewöhnliche Perspektiven und Themen, wie Sprache und Musik während der Revolution, das Buch sehr lesenswert.

Markus Heidmeier

Ehrhart Neubert: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, Piper Verlag, 520 Seiten, 24,90 Euro.

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