Revolution in Plauen

"Man wollte den Leuten in den Zügen einfach zeigen, dass man mit ihnen verbunden ist."

Demonstration in Plauen

Demonstration in Plauen © Bundesarchiv Bild 183-1990-0317-011 Thieme

Während die gewaltsamen Ausschreitungen in Dresden am 4. Oktober im Fokus der Medien stehen, bleibt das Geschehen in der 76.000 Einwohner-Stadt Plauen im Bezirk Karl-Marx-Stadt von den westlichen Fernsehkameras weitgehend unbemerkt. In der Metropole des Vogtlandes kommt es jedoch am 7. Oktober zu der ersten Massendemonstration, vor der die Staatsmacht der DDR kapitulieren muss.

Nachdem die Lage in Dresden am Abend des 4. Oktober eskaliert, ändert Hans Modrow spontan den Streckenverlauf für die letzten drei Flüchtlingszüge aus Prag. Um Dresden zu umgehen, werden die Züge nun über Böhmen geführt und haben einen längeren Aufenthalt in Plauen. Wie zuvor in den anderen Städten entlang der Zugstrecke, versammeln sich am Morgen des 5. Oktober Hunderte von Menschen am Plauener Bahnhof. Sie bejubeln die Ausreisewilligen in den durchfahrenden Zügen und rufen "Deutschland, Deutschland – Freiheit, Freiheit!" Ein Demonstrant erklärt rückblickend: "Man wollte den Leuten in den Zügen einfach zeigen, dass man mit ihnen verbunden ist."

Sicherheitskräfte lösen die Versammlung jedoch unter Einsatz von Schlagstöcken auf. Trotz Verwarnungen und Verhaftungen bleibt die Stimmung in Plauen enthusiastisch und impulsiv. Am Abend des 5. Oktober versammeln sich spontan über 1000 Menschen vor der Markuskirche, um an einer Friedensandacht teilzunehmen. Wider Erwarten verzichtet Oberbürgermeister Dr. Norbert Martin auf eine gewaltsame Auflösung der Veranstaltung.

Am gleichen Abend kursiert ein Aufruf der "Initiative zur demokratischen Umgestaltung der Gesellschaft" für eine Protestdemonstration am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR. Schon Ende September war die Versammlung beantragt - aber natürlich verboten worden. Mit den Worten: "Überwindet Eure Lethargie und Gleichgültigkeit! Es geht um unsere Zukunft!" rufen die Initiatoren trotzdem zum Mitmachen auf.

Die staatlichen Sicherheitskräfte sind nun auf eine Störung der Festlichkeiten des Jahrestages der DDR vorbereitet, rechnen aber nur mit etwa 400 Teilnehmern. Im Laufe des Nachmittags formiert sich jedoch ein Demonstrationszug mit etwa 10.000 Demonstranten. Die Menschen drängen zum Rathaus. Die Bereitschaftspolizei sperrt die Straße zwischen Rathaus und Lutherkirche ab, ist aber überfordert und befiehlt den Einsatz von Löschfahrzeugen der Berufsfeuerwehr. Nachdem einige Fahrzeuge der Feuerwehr direkt in die Menschenmassen hineinfahren, eskaliert die Lage.

Nach einem Vermittlungsanlauf von Superintendent Thomas Küttler verspricht der Oberbürgermeister, in der kommenden Woche mit den Demonstranten zu verhandeln. Hubschrauber und Kampfgruppen werden abgezogen. Mit dem Ruf "Wir kommen wieder" löst sich der Demonstrationszug gegen Abend friedlich auf. Nur wenige Demonstranten bleiben bis kurz vor Mitternacht vor dem Rathaus.

Obwohl in Plauen anfänglich keine der bekannten politischen Oppositionsgruppen vertreten sind, gilt Plauen seit der Demonstration vom 7. Oktober als die erste ostdeutsche Stadt, die einen geeinten Willen zur Veränderung ausdrückt. Schon vor der Demonstration wird hier die höchste Austrittsrate aus den Kampfgruppen verzeichnet. Nach dem 7. Oktober weist der Bezirk unzählige Austritte aus der SED sowie die höchsten Entpflichtungsgesuche aus der Polizei auf. Plauen bleibt somit wochenlang die Stadt in der DDR, die allen anderen jeweils einen Schritt voraus ist.

Kaja Wesner

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