"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise..."

Die Prager Botschaftsbesetzung, Genschers Balkonrede und die Ausreise

Zug mit winkenden Flüchtlingen in Hof

Zug mit winkenden Flüchtlingen in Hof, Foto: Bernhard Ott

Seit Wochen schon harren über 4000 DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft in Prag aus. Am 30. September 1989 überbringt der westdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher endlich die gute Nachricht: die Ausreise in die Bundesrepublik ist genehmigt und die Sonderzüge bringen die ersten Botschaftsflüchtigen schon am nächsten Tag nach Westdeutschland.

Als die Ständige Vertretung in der DDR am 8. August ihre Türen wegen Überfüllung für den Publikumsverkehr schließt, ist dies nur der Anfang einer Reihe von Botschaftsschließungen in diesem Sommermonat des Jahres 1989. Über hundert Bürger hatten sich in die Ständige Vertretung geflüchtet, um ihre Ausreise in die BRD zu erzwingen. Zwei Tage später schließt die Botschaft der Bundesrepublik in Budapest aus dem gleichen Grund.

Auch die deutsche Botschaft in Prag ist sich nicht mehr in der Lage, sich um den Publikumsverkehr zu kümmern. Denn viele DDR-Bürger wissen von dem Schlupfloch in Prag. Die CSSR ist zu diesem Zeitpunkt das einzige Land, in das DDR-Bürger noch ohne Visum fahren können und die Geschichten von Flüchtlingen, die es an den tschechoslowakischen Bewachern vorbei auf das Gelände der Botschaft geschafft haben, geben immer wieder Grund zur Hoffnung.

So warten im Sommer 1989 schon seit Wochen flüchtige DDR-Bürger unter schlimmsten Bedingungen auf dem überfüllten Gelände der deutschen Botschaft in Prag auf die Genehmigung ihrer Ausreise in die BRD. Die Geschichte der Flüchtlinge in der Prager Botschaft ist weitaus länger, als der kurze Moment von Genschers Rede vermuten lässt: Bereits im Februar und März 1989 finden sich die ersten Zufluchtsuchenden ein, die über den Botschaftszaun auf das Gelände geklettert oder den strengen Kontrollen der tschechoslowakischen Milizen am Eingang des Gebäudes entgangen waren. Das Gelände der Botschaft wird somit im Vorfeld der Revolutionen in der DDR als Zufluchtsort bekannt und gerät spätestens ab August in den Blickpunkt der internationalen Medien.

Denn im Sommer 1989 wagen es weitere DDR-Bürger, den Weg in die Prager Botschaft aufzunehmen, vorbei an Sicherheitsleuten und bewaffneten Milizen, die versuchen, die Flüchtlinge aufzuhalten. Am 19. August leben 120 Flüchtlinge dort, täglich werden es bis zu 50 Personen mehr. Der Zustrom wird in den folgenden Tagen so groß, dass der deutsche Botschafter Hermann Huber die Botschaft für den Publikumsverkehr schließt und die Konsularabteilung vorübergehend in ein Prager Hotel verlegt. Doch auch in den nächsten Tagen geht der Ansturm auf das Palais Lobkowicz weiter, immer mehr Flüchtlinge strömen in die Botschaft und erzwingen sich Zutritt auf das westdeutsche Territorium.

Die meisten der Flüchtlinge kommen direkt aus der DDR nach Prag, weil sie fürchten, dass es ihre letzte Chance ist, noch auszureisen, bevor die DDR-Führung nach den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag die Grenzen schließt. Besetzungen westdeutscher Botschaften in sozialistischen Ländern hatte es auch in den Vorjahren bereits gegeben, doch anders als in diesen Fällen weigern sich die Flüchtlinge im Sommer 1989, in die DDR zurückzukehren, um von dort aus die Ausreiseanträge zu stellen. Unter keinen Umständen wollen sie sich mehr der Gefahr aussetzen, von der Stasi verhaftet und an ihrer Ausreise behindert zu werden.

Die Zahl der ausreisewilligen DDR-Bürger stieg in der ersten Hälfte des Jahres 1989 sehr viel schneller an, als die Zahl der Ausreisegenehmigungen durch das SED-Regime. Die Gründe für die erneute Flüchtlingswelle aus der DDR sind offensichtlich: Die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage und dem System DDR verschärft sich mit dem Ausbleiben der politischen Reformen, die in der Sowjetunion, in Polen und in Ungarn bereits stattfinden. In der Bevölkerung schwindet die Hoffnung auf Perestroika und Glasnost, viele DDR-Bürger resignieren. Die Abneigung der ostdeutschen Regierung gegen Reformen jeglicher Art mindert bei seinen Bürgern die Bereitschaft, sich mit der Situation und dem Regime zu arrangieren, beträchtlich. Der Protest der Bevölkerung findet seinen Ausdruck in dem Wunsch nach Ausreise und die Abwendung von der eigenen Regierung findet innerhalb und außerhalb der DDR große Aufmerksamkeit. Die Massenfluchtbewegung des Sommers 1989 ist ein gewaltiger Aderlass für den schwer angeschlagenen SED-Staat und zwingt die Bundesrepublik zum Handeln.

Der Flüchtlingsstrom versiegt nicht, immer mehr Menschen strömen in die Länder, von denen sie sich eine Möglichkeit zur Flucht erhoffen. In Budapest schließlich bricht der Strom alle Dämme: die Budapester Regierung erlaubt den Flüchtlingen, mit Reisedokumenten des Internationalen Roten Kreuzes direkt aus Ungarn nach Österreich auszufliegen.

In Prag jedoch sieht die Situation noch ganz anders aus: die tschechoslowakischen Behörden weigern sich, einem solchen Verfahren zuzustimmen. Das führt zu einem weiteren enormen Anstieg der Flüchtlingszahlen in der Prager Botschaft, da die Hilfesuchenden nicht mehr über die CSSR nach Ungarn flüchten können und im Palais Lobkowicz auf ihre Ausreisegenehmigung warten. Die Zahl der Flüchtlinge wächst in wenigen Tagen auf mehr als eintausend, auf dem Gelände werden etliche Mannschaftszelte aufgestellt, die Menschen drängeln sich vor den sanitären Anlagen und Essensausgaben. Überlastete Toilettenanlagen und Berge von Müll führen zu katastrophalen hygienischen Zuständen. Doch trotz allem: Anzeichen für ein Nachgeben seitens der DDR-Regierung ist nicht in Sicht und die einzige Möglichkeit zur Lösung des Konfliktes scheint die internationale Bühne zu sein.

Auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen, die am 25. September in New York beginnt, vertritt Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Bundesrepublik und nutzt die Gelegenheit, das Thema der Botschaftsflüchtlinge anzusprechen. Am 27. September trifft er sich zu einem Gespräch mit seinem Kollegen Eduard Schewardnadse, der ihm zusichert, bei der Angelegenheit zu vermitteln. Am Rande der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der VR China in der Berliner Staatsoper trifft sich Erich Honecker mit den Mitgliedern des Politbüros der SED zur Besprechung der Lage in Prag und gibt zu Protokoll, dass einer Ausreise der Flüchtlinge in die BRD zugestimmt wird, allerdings unter der Vorraussetzung, dass die Züge über das Territorium der DDR fahren müssen.

Endlich ist es soweit: Einen Tag später erreicht die Nachricht auch das Bundeskanzleramt in Bonn. Noch am selben Tag, am 30. September 1989, fliegen Außenminister Genscher und der Chef des Bundeskanzleramtes, Seiters, gemeinsam nach Prag. Sie wollen einerseits den Ausreisewilligen die gute Botschaft schnellstmöglich überbringen, andererseits das Misstrauen der Botschaftsflüchtlinge hinsichtlich der Ausreisebedingungen mindern.

Die Rede, die Genscher vom Balkon des Prager Palais Lobkowicz hält, verfolgen Menschen in aller Welt vor dem Fernseher. Dort werden sie Zeuge der unglaublichen Erleichterung und des Jubels der Flüchtlinge, als Genscher die erlösende Nachricht überbringt: "Liebe Landsleute (...) Ich begrüße Sie herzlich im Namen der Bundesregierung. (...) Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ... (der Rest des Satzes geht im Jubel der Menge unter) möglich geworden ist."

Bereits am nächsten Tag startet der erste Zug mit Flüchtlingen von Prag über die DDR in die Bundesrepublik. Da die Botschaft sich erneut füllt, fahren in den folgenden Tagen mehrere Züge von der tschechischen Hauptstadt Richtung Westen, insgesamt reisen 17.000 Flüchtlinge in kürzester Zeit aus. Die DDR schließt daraufhin am 3. Oktober die Grenze zur CSSR. Am 4. Oktober kommt es bei der Durchfahrt in Dresden zu massiven Ausschreitungen, als tausende Ausreisewillige versuchen, in die durchfahrenden Züge zu gelangen. Am 5. Oktober erreichen die Flüchtlingszüge am Hofer Bahnhof endlich das Gebiet der Bundesrepublik.

Johanna Schniedergers

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