Zensiert, verschwiegen und doch nicht vergessen

Ines Geipel über eine (fast) unbekannte literarische Welt in Ostdeutschland

Zensiert, verschwiegen, vergessen

Ines Geipels Buch über zensierte Autorinnen, © Artemis & Winkler

Ihre Texte blieben ungedruckt. Zu offen, zu kritisch, zu modern waren sie in den Augen der Zensoren. Doch wer auf Freiheitssinn und eigener Sprache bestand, hatte als Dichterin in der DDR nicht selten einen hohen Preis zu bezahlen. Ines Geipel ist auf Spurensuche gegangen und bringt bewegende Schicksale von Dichterinnen ans Licht, die in Ostdeutschland nicht zur Literaturgeschichte gehören sollten.

Im Vorwort zu Ines Geipels Buch "Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989" heißt es: "Mit den spröden Gedichten von Inge Müller fing es an", denn Ines Geipel, vielen als ehemalige Weltklassesprinterin der DDR-Nationalmannschaft bekannt, begann ihre schriftstellerische Karriere 1996 mit der Herausgabe des Sammelbandes "Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn" mit Texten von und über Inge Müller. Nicht nur die heftige öffentliche Kontroverse um dieses Buch, die einsetzende Sicherung des weit verstreuten Nachlasses von Inge Müller wie auch die 2004 erschienene Biografie verhalfen der Berlinerin zu einer umfassenden Rezeption als gesamtdeutsche Dichterin. Auch andere, hier als "zensiert, verschwiegen, vergessen" betitelte Autorinnen sind nicht gänzlich unbekannt. Neben dem 1999 von Geipel herausgebrachten Band "Die Welt ist eine Schachtel. Vier Autorinnen der frühen DDR" kann man einige der Schriftstellerinnen auch in den Bänden der Edition "Die verschwiegene Bibliothek", deren Herausgeber Ines Geipel und Joachim Walther sind, wiederfinden.

 Insgesamt sind es zwölf Frauen, um deren Leben, Denken und Dichten es hier geht. Zwölf Schriftstellerinnen, deren Texte zur DDR-Zeit weitgehend unveröffentlicht blieben. Ihre Gedichte galten als tendenziös, ihre Prosa als hetzerisch, ihre Lebenshaltung als systemzersetzend. Und wenn sie es– wie Ricarda Huch zu Ruhm und Ansehen gebracht hatten, deren Name in allen Ausgaben des "Lexikons deutschsprachiger Schriftsteller" aus dem VEB Bibliographisches Institut Leipzig erscheint und ihre Dichtungen dort umfangreich vorgestellt werden – hielten sie es dennoch nicht aus. So flüchtete Ricarda Huch 1947 aus der damaligen sowjetischen Besatzungszone und starb kurz darauf an den Folgen der Reisestrapazen.

 Auffallend viele der in diesem Band versammelten Biografien sind Geschichten des Scheiterns. Susanne Kerckhoff gehörte als geborene Harich von vornherein in die Reihen der frühen Ost-Prominenz. Doch die einstige Feuilletonchefin der Berliner Zeitung starb im März 1950. Nach offizieller Verlautbarung verübte sie Selbstmord.

Mit Selbstmord endete 1966 auch das Leben von Inge Müller, Ehefrau des Dramatikers Heiner Müller. Ihr Name und ihr Oeuvre wurden vom Schriftstellerlexikon nicht verschwiegen, wohl aber die Art ihres Todes und die eventuellen Gründe dafür. Geplagt von Depressionen, im Schatten ihres Mannes stehend, von der Staatssicherheit überwacht hielt sie dem Druck nicht mehr stand.

Nicht wenige wurden verfolgt und verhaftet. Beispielsweise Ursula Adam, die acht Monate im Zuchthaus verbringt, Edeltraut Eckert, die nach 5 Jahren Haft an einem schwerwiegenden Arbeitsunfall in der Frauenhaftanstalt Hocheneck qualvoll stirbt, Elisabeth Graul, die über 10 Jahre in Hoheneck einsitzt, wo auch Gabriele Stötzer ihre Haftzeit verbringt, bevor sie sich in der Produktion bewähren muss.

Andere wie Helga M. Novak und Raja Lubinetzki suchen ihr Heil in der Flucht. Nachdem Lubinetzki nur in illegalen Zeitschriften veröffentlichen kann und notorischen Verhaftungen uns Schikanen des MfS ausgesetzt ist, stellt sie 1983 einen Ausreiseantrag und wird bis zu ihrer Ausreise 1987 noch intensiver durch die Staatssicherheit observiert. Dieser Druck spiegelt sich natürlich im literarischen Schaffen der Frauen wider.

Keine von ihnen konnte vor dem Ende des Ost-Staates darauf hoffen, anerkannt zu werden und die Ergebnisse ihrer literarischen Bemühungen veröffentlicht zu sehen.

Als staatsgefährdend eingestuft, zensiert oder völlig totgeschwiegen, entstanden die Texte ohne jede Rezeption durch das Publikum. So entstanden Dokumente künstlerischer Authentizität in einer Zeit, in der Kritisches durchweg extrem behandelt wurde.

Ellen Koth

Ines Geipel: Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989. Artemis&Winkler Verlag, Düsseldorf 2009. 288 Seiten, 24,90 EUR, ISBN 978-3-538-07269-5.

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