"Ihr löscht das Feuer mit Benzin"

Botschaftsbesetzung in Prag, Ausschreitungen in Dresden

"Ihr löscht das Feuer mit Benzin"

Die besetzte Prager Botschaft, Bd.-Reg., B 145 Bild-00048987, Seebode

Ende September, Anfang Oktober spitzt sich die Situation in der DDR zu. Die Spannungen im Gefüge von Staat und Gesellschaft sind überdeutlich. Von der besetzten Botschaft in Prag springt der revolutionäre Funke zunächst nach Dresden über. Am Dresdner Hauptbahnhof kommt es zu Demonstrationen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Revolution breitet sich aus.

Im engeren Rahmen einer historischen Betrachtung war die Botschaftsbesetzung in Prag der Anfang einer politischen Kettenreaktion. Natürlich lässt sich der Beginn geschichtlicher Prozesse nie festlegen, und natürlich liefen dem 30. September andere bedeutendere Geschehnisse voraus. Doch nachdem der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit Inszenierungsgeschick die Ausreise der mehr als 3500 Botschaftsbesetzer im Palais Lobkowitz verkündete, als der Jubel der DDR-Flüchtlinge, vom Fernsehen verbreitet, keine Grenzen kannte, nahmen die Entwicklungen ein neues, ein revolutionäres Tempo an.

Etwa 30 000 DDR-Bürger verlassen im September die DDR über Ungarn. Weil die DDR nach der ungarischen Grenzöffnung die Ausreise nach Ungarn untersagt, ist die CSSR das einzige Land, das noch visafrei erreicht werden kann. Torschlusspanik setzt ein. Die bundesdeutsche Botschaft in Prag wird zum letzten Fluchtpunkt der Ausreisebewegung. Wie ein Sog zieht Prag den Flüchtlingsstrom an, zumal das Gerücht umgeht, Honecker werde zum 40. Jahrestag der DDR die Grenzen dicht machen. Flüchtlingsmassen besetzten das Gelände der Botschaft. Männer, Frauen, Kinder klettern über Zäune, nehmen zum Teil Schläge von Polizisten in Kauf, um das rettende Grundstück der Botschaft zu erreichen. Das Gelände ist bald überfüllt, dicht gedrängt, eingepfercht harren Tausende aus und hoffen.

Die Fluchtbewegung erscheint im Vergleich zur Opposition auf der Straße vordergründig unpolitisch. Tatsächlich äußern sich Flüchtlinge zum Teil auch selbst so, dass persönliche Motive wie jugendliche Abenteuerlust im Vordergrund ständen. Doch eine Masse Flüchtlinge, die aus einem abgewirtschafteten Staat flieht, wird auch ohne Intention zur politischen Demonstration. Die revolutionäre Kraft dieser Fluchtbewegung ist, wie Ilko-Sascha Kowalczuk schrieb, "kaum zu überschätzen".

Als Genscher die Ausreise bekannt gibt, geht das Ende seines Satzes im Jubel der Menschen unter. Es ist ein Jubelschrei der Befreiung und ein Desaster für das Image der DDR. Eine Woche vor dem 40. Geburtstag der DDR war auch für den politisch uninformierten Zuschauer ein klares Signal zu vernehmen: Wer das Elend auf sich nimmt, sich bei Kälte und Nässe über einen Zaun in ein überfülltes Gebäude zu flüchten, von dem man mit Gewalt zurückgehalten wird, ungewiss mit welchem Ende, der musste schon aus einem maroden Land kommen.

Die Lage verschärft sich in der DDR, als die SED-Führung eine aus ihrer Sicht fatale Symbolpolitik betreibt: sie richtet die Energie des Flüchtlingsstroms auf sich selbst, indem sie die Grenzen zur CSSR schließt und gleichzeitig darauf besteht, den Zug der ausreisenden Botschaftsbesetzer über Dresden in die Bundesrepublik zu leiten. Der Flüchtlingszug wird zu einem Symbol der Freiheit. Auf dem Gebiet der DDR wird er von Soldaten bewacht, dahinter säumen Tausende die Gleise und winken, während die offizielle DDR-Presse die Flüchtlinge beschimpft und damit die Stimmung weiter anheizt.

Die Flüchtlinge, konnte man im Neuen Deutschland lesen, "haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen." Der Kommentar löste bei vielen Lesern Fassungslosigkeit aus. Auf einer Mahnwache der Gethsemanekirche im Berliner Prenzlauer Berg kursiert am 2. Oktober ein Flugzettel mit einem Biermann-Zitat: "Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Ihr löscht den Brand nicht mehr." Tatsächlich erhitzt sich die Situation immer mehr. Von Prag verschiebt sich der Brennpunkt des Geschehens gewissermaßen auf Schienen nach Dresden.

Kurz nachdem die ersten Flüchtlinge Prag verlassen hatten, war das Botschaftsgelände erneut von Tausenden DDR-Bürgern besetzt. Die DDR-Führung beschließt daraufhin am 3. Oktober die Grenzen komplett zu schließen. Ein letzter Flüchtlingszug über Dresden verlässt Prag. Den Ausreisewilligen erscheint der Zug aus Prag als letzte Fluchtmöglichkeit. Am Dresdner Hauptbahnhof versammeln sich am 4. Oktober von der tschechischen Grenze zurückgewiesene Flüchtlinge ebenso wie Demonstranten und weitere Ausreisewillige, die zum Teil verzweifelt versuchen auf den abgesperrten Bahnhof und den Zug zu gelangen. Die Lage eskaliert. Pflastersteine fliegen, Autos werden umgestürzt, ein Polizeiwagen geht in Flammen auf, die Polizei und NVA-Einheiten, zum Teil mit scharfer Munition bewaffnet, setzen Wasserwerfer und Tränengas ein. Es sind die gewalttätigsten Tage der so genannten Friedlichen Revolution. Dresden kommt nicht zur Ruhe. Der Aufstand breitet sich aus.

In den ersten Oktobertagen kommt es unter anderem auch in Freiberg, Karl-Marx-Stadt, Reichenberg und Plauen zu Demonstrationen, Gewalt und Verhaftungen. Auffällig daran ist: Alle diese Orte liegen entlang der Strecke des Ausreisezuges. Auf einer Karte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften kann man ablesen, dass der Großteil der frühesten Protestkundgebungen in Orten in unmittelbarer Nähe der Zugstrecke stattfindet. Die Revolution breitet sich auf diese Weise wie ein Lauffeuer aus und wird zum Flächenbrand. Das Land Sachsen selbst hat eine sanftere Metapher dafür gefunden und bezeichnet sich gern als "die Wiege der Revolution". Die Stimmung dieser ersten Oktobertage war jedoch alles andere als einschläfernd.

Jochen Thermann

Auf FriedlicheRevolution.de finden Sie in den nächsten Tagen zu den Ereignissen in Prag, Dresden und Sachsen Interviews mit Zeitzeugen und Historikern, u.a. mit dem ehemaligen Botschafter in Prag Hermann Huber.

Die heute-Nachrichten vom 30. September 1989 finden Sie hier.


Zurück

Kommentare

Hans    (08.02.2010 08:46h)
Diese Infos haben mir geholfen, danke!

Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte