Hat die DDR-Opposition die Einheit nicht gewollt?

Andreas H. Apelt räumt mit einem Vorurteil auf

Montagsdemonstranten

Montagsdemonstranten , © Bundesarchiv, Bild 183-1989-1211-027, Gahlbeck

Mit einer neuen Studie widerlegt der Historiker Andreas H. Apelt eine hartnäckige Behauptung: dass die deutsche Frage für die Opposition Tabu gewesen sei. Die historische Wahrheit ist wie so oft vielschichtiger als das Pauschalurteil.

Jahrzehntelang blieb die deutsche Frage unbeantwortet. Nach 40 Jahren DDR und mehr als 25 Jahre nach dem Mauerbau war die Teilung Deutschlands für die Nachgeborenen selbstverständlich geworden. Es gab als Folge des Zweiten Weltkriegs zwei deutsche Staaten, und wer sich darüber beklagte, galt als geschichtsvergessen.

An der Forderung nach der deutschen Einheit haftete ein national-konservatives Bewusstsein, und in gewissen Kreisen erschien sie beinahe unmoralisch. Zumindest Zurückhaltung und Zögern vor einem Bekenntnis zur deutschen Einheit waren in weiten Teilen beider deutscher Gesellschaften verbreitet. Man hatte sich an die Zweistaatlichkeit gewöhnt, zumal sie lange Zeit vor dem größeren Hintergrund einer Spaltung Europas Realität war. In der DDR war die deutsche Frage sogar noch heikler, stellte man doch mit der Wiedervereinigung, weit mehr als in der Bundesrepublik, gleich die gesamte Existenz der DDR in Frage.

Die ehemalige Komplexität der deutschen Frage ist knapp 20 Jahre nach der Einheit in Vergessenheit geraten. Merkwürdig präsent ist hingegen die oft wiederholte Feststellung, die Bürgerrechtler der friedlichen Revolution hätten die Einheit nicht gewollt, sie hätten mit utopischen Vorstellung an einer reformierten DDR festhalten wollen und hätten deshalb folgerichtig bei der Volkskammerwahl keine Rolle mehr gespielt.

Mit diesem Pauschalurteil räumt das Buch von Andreas H. Apelt über "Die Opposition in der DDR und die deutsche Frage 1989/90" gründlich auf. Der Titel macht deutlich, dass es sich um ein wissenschaftliches Werk handelt. Mit der entsprechenden Sorgfalt untersucht Apelt die Haltung der Opposition zur deutschen Frage. Er geht zurück auf die Gründung von DDR und Bundesrepublik, untersucht  die deutsch-deutschen Beziehungen in den 1980er Jahren, die Haltung der Opposition sowie die Positionen der westdeutschen Parteien. Das Kernstück der Arbeit bilden die Umbruchsjahre 1989/90.

Apelt folgt dabei der schlüssigen Unterteilung in eine vorrevolutionäre Phase von den Kommunalwahlen am 7. Mai bis zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober, eine demokratische Phase der Revolution vom 7. Oktober bis zum Mauerfall, eine nationale Phase vom Mauerfall bis zur Volkskammerwahl am 18. März 1990 und schließlich eine nachrevolutionäre Phase bis zur deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Dadurch gelingt es ihm, differenziert die Haltungen und Reaktionen in einer Zeitspanne mit hoher Ereignisdichte zu analysieren.

Sowohl in den 1980er Jahren als auch in der Revolution selbst kann laut Apelt von einem Tabu der deutschen Frage in der DDR-Opposition nicht die Rede sein. Zu zahlreich seien die Belege bei Oppositionellen wie Robert Havermann, Martin Gutzeit, Konrad Weiß oder Edelbert Richter. Apelt sieht insofern sogar wichtige Impulse in der friedlichen Revolution durch die Diskussion der deutschen Frage innerhalb der Bürgerrechtsbewegung und hebt hervor, dass die Revolution "ihren national-demokratischen Charakter auch aus der Beschäftigung der Opposition mit den deutschlandpolitischen Themen gewinnt." Während der Revolution räumt Apelt eine Zurückhaltung ein, die in ihrer demokratischen Phase auch taktische Gründe hat und nicht im Zentrum des politischen Begehrens stand. Ausgeblendet wurde die deutsche Frage jedoch nicht – im Gegenteil: Ab dem 1. November weist Apelt explizit die "öffentliche Forderung nach der Wiedervereinigung durch Vertreter oppositioneller Gruppierungen" nach.

Das Buch leistet somit einen wichtigen Beitrag historischer Aufklärung über das Verhältnis der DDR-Opposition zur Wiedervereinigung. Zurück bleibt die Frage, weshalb sich das Vorurteil eines deutschlandpolitischen Tabus so lange halten konnte. Es scheint, als hätten die Bürgerrechtler als Projektionsfläche für all diejenigen herhalten müssen, die sich selbst lange Zeit mit der deutschen Zweistaatlichkeit abgefunden hatten.

Andreas H. Apelt: Die Opposition in der DDR und die deutsche Frage 1989/90. Christoph Links Verlag, Berlin 2009, 344 Seiten, 34,90 EUR, ISBN 978-3-86153-538-6

Jochen Thermann

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