Reformer zetteln die Revolution an

September '89: Die Opposition wagt sich vor

Reformer zetteln die Revolution an

Reformer oder Revolutionäre? © Bundesarchiv Bild 183-1990-0905-029 Uhlemann

Lange Zeit hatte sich nichts getan in der DDR. Doch nach dem Sommer ist der Staat in Bewegung. Tausende DDR-Bürger flüchten in den Westen und die Opposition formiert sich neu. Im September 1989 gerät die DDR nun auch von innen unter Druck.

Hannah Arendt schreibt, dass jede Revolution zwei Stadien zu durchstehen hätte: "das Stadium der Befreiung – von Armut oder Fremdherrschaft – und das Stadium der Gründung der Freiheit." Der September 1989 gehört ganz eindeutig dem ersten Stadium an, als noch alles möglich erschien; als plötzlich nach dem Sommer der Flucht die Oppositionsgruppen an die Öffentlichkeit traten, als sie sich nicht mehr als Kirchengruppen tarnten, sondern Neues Forum, Vereinigte Linke oder Demokratie Jetzt hießen; als die deutsche Frage noch unbeantwortet war und man auch "die Deutschen in der Bundesrepublik" unbefangen dazu einladen konnte, "auf eine Umgestaltung ihrer Gesellschaft hinzuwirken." Der Wunsch von Demokratie Jetzt nach einer "neuen Einheit des deutschen Volkes" erfüllte sich zwar, nur machten die Bundesdeutschen im Herbst 1989 nicht mit beim hoffnungsvollen "um der Einheit willen aufeinander zu reformieren". Der Osten jedoch war in Bewegung geraten.

Die Konstellation aus verzweifelter Massenflucht, unreformierbarer SED-Führung und vorsichtig-selbstbewusster Opposition hatte im September 2009 eine vorrevolutionäre Situation geschaffen. Die andauernde Fluchtbewegung, die Botschaftsbesetzungen im August und September, die Montagsdemonstrationen in Leipzig führten tagtäglich vor Augen, dass die DDR von einem politischen Beben erfasst worden war. Nur die SED-Führung hielt verkrampft am eigenen Führungsanspruch fest. Der verkrustete DDR-Herrschaftsapparat wurde durch die bildgewaltige Flucht Tausender Bürger so stark in Frage gestellt, dass Reformen eigentlich auf der Tagesordnung hätten stehen müssen, um das Überleben des Staates zu retten. Es bedurfte schon einiger staatspolitischer Blindheit, die Forderung nach Reformen noch immer als "staatsfeindlich" einzuschätzen. Mit diesem Wort kommentierte zum Beispiel der Journalist Jens Walther in der Jungen Welt die erste Montagsdemonstration nach der Sommerpause in Leipzig am 4. September. Er lieferte einen der vielen Belege, dass die  Führungselite unfähig war, auf die Krise anders zu reagieren als mit ideologischen Reflexen. Genau diese Unfähigkeit erhöhte nur noch den Druck auf die DDR-Führung durch Unzufriedene, Ausreisewillige, Flüchtlinge und Oppositionelle. Nicht zuletzt die Hoffnungslosigkeit einer systematisch erscheinenden Unveränderbarkeit hatte so viele DDR-Bürger zur Flucht getrieben. Die Flüchtlinge befreiten sich auf ihre Weise aus der Unbeweglichkeit in der Sackgasse namens DDR. Aber auch der Opposition gelang nun im Herbst '89 ein Akt der Befreiung.

Die Opposition reagierte seit dem Spätsommer 1989 auf die Staatskrise mit der Gründung neuer Gruppierungen wie Neues Forum, Demokratie Jetzt, Vereinigte Linke, SDP oder Demokratischer Aufbruch. Der kleinste gemeinsame Nenner all dieser Gruppen war die Forderung nach einer Demokratisierung des Staates, um im Dialog die Probleme der DDR zu lösen. Doch schon bei ihrer Gründung war die Opposition von der Stasi unterwandert. Erschwert wurde ihre Arbeit nicht nur durch die Sabotage durch IMs, sondern auch durch die Angst vor einer Eskalation der Lage. Noch am 30. September war im Neuen Deutschland anlässlich des Freundschaftsbesuchs von Egon Krenz in China die gespenstische Parole zu lesen: "In den Kämpfen unserer Zeit stehen DDR und VR China Seite an Seite." Was es in dieser Zeit bedeutete, in der Opposition aktiv zu werden, hatte Jens Reich auf den Punkt gebracht. Ende Oktober 1989 wurde ihm die Frage gestellt: "Wovon wollen Sie sich befreien, Herr Professor Reich?" Seine Antwort lautete: "Angst ist das Allerwichtigste." Der Historiker Friedrich H. Apelt hält dementsprechend "die durchaus berechtigte Angst" für den "am stärksten von der Geschichtsschreibung der Friedlichen Revolution missachteten Faktor". Die Angst schrieb mit an den Manifesten und gab ihnen einen eigentümlichen Klang. Es war eine abwägende, zögerliche Sprache. Kein "Nieder mit der Tyrannei der SED!", keine Wut, keine Verzweifelung war dort zu vernehmen, stattdessen balancierte man Vorschläge aus für eine bessere Gesellschaft. Der Tonfall war besonnen, aber nicht revolutionär, bestimmt, aber nicht kompromisslos: "Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für eine Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verhältnisse aber keine Bevormundung", war im Aufruf des Neuen Forums zu lesen. Und im Aufruf des Demokratischen Aufbruch steht der Satz: "Wir wollen neu lernen, was Sozialismus für uns heißen kann." Es war die Sprache von Reformern, nicht von Revolutionären.

Die Vorsicht der Opposition hatte aber auch ein taktisches Moment. Sie machte unangreifbar. Der ausgewogenen Kritik konnten zahlreiche, unterschiedlich denkende Menschen im Grunde nur zustimmen – das war zum Beispiel auch das erklärte Ziel von Bärbel Bohley gewesen, durch das Neue Forum die Basis der Opposition zu erweitern. Und es war die Besonnenheit der Opposition, welche auf das Verhalten der wachsenden Zahl Demonstranten rückwirkte. Dass daneben noch eine andere Triebkraft gab, die weit weniger kompromissbereit war, die wütend, verzweifelt und zu allem bereit war, gerät oft in Vergessenheit. Ausreiseantragsteller, die wie Desperados oft auch das Gefängnis in Kauf nahmen, um so schnell wie möglich in die Bundesrepublik abgeschoben zu werden, gehörten seit dem 4. September in Leipzig zu jener kritischen Masse der Unzufriedenen, die auf den Straßen das Klima der Revolution mitbestimmten. Es war die Verzweifelung, die selten sichtbar wurde, aber die auch zur Revolution gehörte. Am 4. Oktober in Dresden, als die Sonderzüge aus Prag durch die Stadt rollten, da zeigte die Revolution ihr anderes Gesicht. Menschen versuchten gewaltsam auf die Züge in den Westen zu gelangen, die Polizei setzte Tränengas ein und die Masse antwortete mit Pflastersteinen. Bürgerkriegsszenen wie diese blieben im Herbst 1989 selten. Die Opposition hatte der Revolution bereits eine andere Tonart vorgegeben – sie blieb den ganzen Herbst über dominant.


Jochen Thermann

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