Das Leben ist endlich und es gilt es zu leben

Die Hoffnungen, Enttäuschungen und Sehnsüchte von Frauen, ein Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR

"Winter adé"

"Winter adé" von Heike Misselwitz © Deutsche Kinemathek

Aus Anlass des Starts der Filmreihe "Winter adé" veröffentlicht FriedlicheRevolution.de heute eine Kritik der Filmwissenschaftlerin Angelika Ramlow. Die gleichnamige Reihe startet heute um 19.30 Uhr im Berliner Kino Arsenal am Potsdamer Platz.

"Winter Adé" von Helke Misselwitz – ein Bild der Zeit in kontrastreichem Schwarz-Weiß. In einem kurzen Prolog erfahren wir, dass Helke Misselwitz vor vierzig Jahren vor einer Bahnschranke zur Welt kam. Knapp und lakonisch skizziert sie ihren bisherigen Lebensweg und den Impuls für ihre filmische Reise. Ausgehend von ihrer eigene Biografie erkundet sie auf einer winterlichen Zugfahrt durch die DDR, die in Zwickau ihrem Geburtsort ihren Anfang nimmt und sie bis an die Ostsee führen wird, die Lebenssituation von Frauen unterschiedlichsten Alters und sozialen Hintergrundes. Sie will wissen, wie die Frauen leben, was sie fühlen, sich erträumen und sucht das Gespräch, die Nähe, gibt Raum – für das Sprechen, das Schweigen, das Nachdenken und Träumen, ob im Zug, am Arbeitsplatz oder im privaten Raum. Sie setzt sich in Beziehung, stellt Fragen, ohne auf Antworten zu bestehen.

Dass sich in der ersten während einer Zugfahrt entfalteten Lebensskizze der Werbeökonomin Hiltrud Parallelen zum Lebensweg der Filmemacherin auftun, betont das Moment der Emphatie und das Gefühl der Zugehörigkeit, dass Helke Misselwitz zum Ausgangspunkt ihrer filmischen Reise nehmen wird. Diese Haltung ist es, die die porträtierten Frauen zu spüren scheinen, der liebevolle Blick, das wirkliche Interesse, das Raum schafft für Vergangenes und Zukünftiges, das es ermöglicht, die momentane Situation in Bezug zu setzen zur eigenen Vergangenheit und zur Zukunft – wie man sie sich ersehnen mag und wie sie wohl nie sein wird oder vielleicht auch doch… Die Frauen sprechen unverblümt und berührend klar über ihr Leben. Und oft sind es die einfachen aber existentiellen Fragen der Filmemacherin, die sie einen Moment staunen lassen, um dann zu antworten. Es sind diese zentrale Fragen, die einem doch selten bis nie gestellt werden. Oft erscheint es fast als hätte den einzelnen Frauen noch niemals jemand diese Fragen gestellt – sie ins Zentrum gerückt – so dass sie fast erstaunt und unvorbereitet und doch sehr klar und ehrlich Antwort geben. Andere dagegen sind sehr reflektiert.

Die alleinstehende Christine aus Meuselwitz, die als Brikettarbeiterin im Dreischicht-System tätig ist, die Punkmädchen Anja und Kerstin, eine 73-jährige Tanzlehrerin, Arbeiterinnnen in einer Fischfabrik in der Pause, eine 55-jährige Heimerzieherin und nicht zuletzt die 85-jährige Margarete, die in einem kleine Dorf in der Uckermark mit ihrem Mann Hermann ihre Diamantene Hochzeit feiert – und der Filmemacherin in einem stillen Moment ihre Ansicht mitteilt, dass sie einen besseren Mann verdient hätte. Sie alle zusammen vermitteln ein Bild der Zeit – und sie machen deutlich, dass noch immer alte Rollenbilder das Bild der Frau prägten. Diese Distanz zwischen Gleichheitsanspruch und Realität vermitteln Helke Misselwirt und ihr Kamerammann Thomas Plenert prägnant. Auf einer Monitorwand wird im Fernsehen über Erich Honeckers Empfang zum Internationalen Frauentag am 8. März berichtet. Im Mittelpunkt stehen die Funktionäre, die Frauen werden nur kurz ins Bild gerückt, verschwinden, erscheinen austauschbar.

Die Bilder von Thomas Plenert bereichern eindrucksvoll die sich zwischen den Zeilen andeutenden Zusammenhänge, sie akzentuieren, schaffen Raum für Assoziationen und sind in ihrem Schwarz-Weiß teils melancholisch, teils im Duktus des Dokumentarischen. Eine gelungene Melange in der Tradition des Cinema Verité und der frühen Nouvelle Vague. Die sich vermittelnden Stimmungen werden zum Stimmungsbild und zur Zustandsbeschreibung eines Landes, dass sich in Auflösung befindet. Helke Misselwitz erklärte im einem Interview mit Gisela Harkenthal: "Die Eisenbahnfahrt ist nicht nur konkretes Transportmittel zu Begegnungsorten, sie steht auch als poetisches Zeichen für Veränderung, Bewegung in der Gesellschaft. Als Ausdruck dafür, dass es vorgeschriebene Gleise gibt, auf denen man gehen muss, dass Gleise auch abbrechen können, dass man Gleise wechseln kann, dass es Weichen gibt, die von außen gestellt werden" (in: Sonntag, 12.3.1989). Das Leben ist endlich und es gilt es zu leben – welche Gedanken Frauen zum Zeitpunkt der sich abzeichnenden friedlichen Revolution mit sich trugen im Wissen darum, vermittelt Helke Misselwitz eindrücklich und fesselnd in ihrem Film "Winter Adé". Winter Adé (DDR 1988, 35mm, 115 min, Regie: Helke Misselwitz, Kamera: Thomas Plenert)

Angelika Ramlow

Heute im Kino Arsenal: um 19.30h
zu Gast: Claus Löser, Helke Misselwitz, Rainer Rother

Donnerstag und Freitag in der Brotfabrik um 19.30h

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