Leipzig im Herbst

Vom Friedensgebet zur ersten Montagsdemonstration

Leipzig im Herbst

Demonstration in Leipzig, Bundesarchiv Bild 183-1989-1026-031, Foto: Ludwig

Der 4. September 1989 gilt als Datum der ersten Montagsdemonstration. An die Tausend Menschen gehen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße. Ihre Forderungen: "Reisefreiheit statt Massenflucht" und "Stasi raus!".

Es ist Montag, der 4.9.1989, 17 Uhr. Die Sommerpause der Montagsgebete in Leipzig ist mit dem heutigen Tag beendet. Trotz mehrerer Versuche der SED-Führung, die Friedensgebete zu verhindern, findet die Veranstaltung statt. Man befürchtet Demonstrationen im Anschluss, denn die hat es schon mehrfach gegeben.

Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche gibt es schon seit Anfang der 1980er Jahre. Seit 1981 steht dort eine große Schautafel mit dem Symbol "Schwerter zu Flugscharen", das ein Bibelzitat (Mi 4,1–4) durch eine sowjetische Skulptur darstellt und als Friedenssymbol gegen das Wettrüsten des Kalten Krieges verwendet wird. Menschen, die dieses Symbols als Aufnäher auf ihren Jacken tragen werden aus Hochschulen oder Betrieben entlassen, Polizisten und Lehrer schneiden Löcher in die Jacken, wenn man die Aufnäher nicht freiwillig entfernt. Anfangs besuchen nur wenige Menschen die montäglichen Friedensgebete.

Seit Januar 1988 hält Christian Führer, Pfarrer der Nikolaikirche, auch Fürbittandachten für die 120 Menschen, die auf der Liebknecht-Luxemburg- Demonstration verhaftet wurden, weil dort ein Plakat mit dem Rosa-Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" gezeigt wurde. Nun kommen immer mehr Ausreisewillige und Oppositionelle zu den Andachten. Immer wieder kommt es nach den Gebeten auch zu Demonstrationen. Im März 1988 ziehen ca. 100 Menschen schweigend nach der Messe in der Nikolaikirche zur Thomaskirche und zurück. Dies ist ein verhältnismäßig kleiner Teil der 800-900 Besucher der Frühjahrsmesse.

Doch die Friedensandachten werden immer mehr zur politisch-oppositionellen Plattform. Sie werden von eigenständigen Basisgruppen vorbereitet und organisiert. Da der Druck der SED auf die Kirchenleitung zunimmt, entzieht Superintendent Friedrich Margirius den Basisgruppen und Pfarrer Christoph Wonneberger die Koordinierung der Friedensgebete. Er übergibt die Aufgabe an Christian Führer. Dieser ist den oppositionellen Gruppen jedoch nicht weniger verbunden. Der Streit zwischen Kirche und Oppositionsgruppen, die gegen diese Maßnahme protestieren, spitzt sich zu. Die Pfarrer Christian Führer, Christoph Wonneberger und Rolf-Michael Turek setzen im Frühling 1989 nach einigem hin und her durch, dass die Organisation der Friedensgebete wieder den Gruppen übertragen wird. Einige staatsloyale Pfarrer sind dagegen und ziehen den Landesbischof Johannes Hempel hinzu. Dieser belässt die von dem Kreis um Christian Führer wieder eingeführte Organisationsform, ordnet aber als Kompromiss ab Mai 1989 an, dass die Andachten nicht mehr Friedensgebete, sondern nun Montagsgebete heißen sollen, da es hier nicht mehr vorrangig um das Thema Krieg und Frieden geht.

Der Frühling und Sommer 1989 mit den Protesten gegen die gefälschten Wahlen, dem Entsetzen über Tiananmen und den Massenfluchten über Ungarn und Tschechien bewirken ein immer stärkeres Aufbegehren der Bevölkerung der DDR. Darum fürchten die staatlichen Behörden nicht zu Unrecht, dass die Wiederaufnahme der Montagsgebete zu weiteren Protesten führt. Man übte Druck aus auf Bischof Hempel, Superintendent Magirius und auf Pfarrer Führer. Ohne Erfolg. Auch der Bitte des Oberbürgermeisters an den Kirchenvorstand, die Montagsgebete abzusetzen, kommt man nicht nach. Der Kirchenvorstand erklärt, die Absage der Montagsgebete würde noch schlimmere Auswirkungen haben.

Das erste Montagsgebet nach der Sommerpause am 4. September 1989 findet also statt. Die Predigt wird von etwa tausend Menschen besucht, es geht um Kriegsschuld und Versöhnung. Aber auch darum, dass "(...)wir uns bei aller Respektierung der Trennung von Staat und Kirche nicht auf einen innerkirchlichen Bereich begrenzen lassen." Nach dem Gebet sammelten sich die Besucher vor der Kirche. Ca. 800 Menschen wollen demonstrieren. Oppositionelle holen Transparente hervor, auf denen zu lesen ist: "Für ein offenes Land mit freien Menschen", "Reisefreiheit statt Massenflucht" und "Versammlungsfreiheit - Vereinigungsfreiheit". Zivile Einsatztruppen des MfS stehen bereit und entreissen die Plakate den Demonstranten. Doch die Menge protestiert mit sofortigen Rufen "Stasi raus!". Eine Gruppe von einigen Hundert Ausreisewilligen marschiert zum Hauptbahnhof und ruft "freie Fahrt nach Gießen!". Dort greift das MfS nicht ein.

Dort, wo die größere Menschenmenge ist, wird auch gerufen "Wir wollen raus!", aber auch "Wir bleiben hier!". Damit wird die Forderung nach politischen Reformen innerhalb der DDR betont. Doch auch hier halten sich die Sicherheitskräfte zurück und gehen nicht gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Denn die Stadt ist voll von westlicher Presse, da die Zeit der Leipziger Herbstmesse ist. Internationale Kamerateams filmen die Szenen wie den Demonstranten die Plakate entrissen werden.

Am nächsten Montag wird die Kirche wieder voll sein und Pfarrer Führer wird über das Ausreiseproblem und über die Forderungen nach Reformen, die die Kirchenleitung am 2. September an Honecker geschickt hat, sprechen. Da man vorher gewarnt wurde, diesmal würde mit aller Härte gegen Demonstranten vorgegangen, bittet Bischof Hempel um Besonnenheit auf dem Heimweg. Deshalb gehen die meisten Menschen nach der Messe nach Hause. Die Menschen allerdings, die wegen Überfüllung vor der Kirche hatten bleiben müssen, werden von der Polizei abgeführt. Mehrere Hundert, die nach der Messe vor der Kirche verharren, werden brutal angegriffen, ca. 100 von Ihnen verhaftet. Dies löst Empörung in der Leipziger Bevölkerung aus. In den Kirchen finden Fürbittandachten mit Kerzen und Blumenkränzen statt. Die Friedliche Revolution beginnt.




Quellen: - Ehrhard Neubert: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90 Piper Verlag, München 2008.
 

- Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. C.H. Beck Verlag, München 2009. 

 

Iris Graeber

 

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