Perspektiven einer Grenze

Constantin Hoffmanns "Ich musste raus" und Martin Schaads "Dann geh doch rüber"

Perspektiven einer Grenze

Ausschnitt Buchcover Martin Schaad, Christoph Links Verlag

Constantin Hoffmann und Martin Schaad beleuchten Grenzgänge an der innerdeutschen Grenze nach beiden Richtungen, nach Ost und West. Die zwei Neuerscheinungen dieses Sommers sammeln Grenzgeschichten, die zur Geschichte wurden.

Für die einen war es der "antifaschistische Schutzwall" für die anderen die völkerrechtswidrige Spaltung eines Landes. Die innerdeutsche Grenze war die Wasserscheide für die Schicksale vieler Deutscher in Ost wie West. Was übrig bleibt sind Erinnerungen und Geschichten, spannend und unvorstellbar, bedrückend oder skurril, in jedem Fall lesenswert.

"Ich musste raus"

Wenn Constantin Hoffmann die Geschichte erzählte, wie er mit 24 von der DDR in die Bundesrepublik kam, rieten ihm seine Zuhörer, er solle diese Erinnerungen unbedingt aufschreiben. "Da kenne ich noch ganz andere Storys, von Freunden und Bekannten, die sind noch viel schärfer", war dann sein Kommentar.
Jetzt hat er sie aufgeschrieben. Nicht nur die eigene Geschichte, sondern auch die der anderen hat er in seiner Sammlung "Ich musste raus. 13 Wege aus der DDR" zusammengetragen. Die einzelnen Erzählungen unterscheiden und ähneln sich zugleich: eine Flucht im Kofferraum, eine Scheinheirat mit einem "Westmädchen", mit dem Faltboot über die Ostsee, mit dem Auto über die ungarisch-österreichische Grenze, zahlreiche Ausreiseanträge und eine Menge Freikäufe von politischen Gefangenen durch die Bundesrepublik. Alle Grenzgänger in Hoffmanns Band riskieren viel, alle stammen aus Halle oder Umgebung, alle sind noch recht jung als sie die DDR verlassen. Aus den 13 kurzen Geschichten setzt sich für den Leser ein Bild zusammen, aus den Motiven der Einzelnen, aus Zweifeln, Furcht, Wehmut und Glück, aus Staatsmechanismen und den verschiedenen Einstellungen der Gesellschaft in der DDR. Von Ostalgie ist hier nichts zu spüren, von den unterschiedlichen Wegen, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, hingegen schon. Und eines haben alle 13 gemein: ihre Verbundenheit mit der Heimatstadt Halle.

"Dann geh doch rüber"
"Grenzverletzer WB-DDR", so hießen die "Mauerspringer" im Staatsjargon der DDR. Von Westberlin aus überwanden sie die Mauer, die die Stadt teilte und sprangen in den Osten. Die Beweggründe für diese Aktionen sind höchst unterschiedlich. Martin Schaad hat sie in seinem Buch "Dann geh doch rüber. Über die Mauer in den Osten" gesammelt. Auf diese Weise erzählt er die Geschichte der Berliner Mauer in ungewohnter Perspektive und verfolgt die Psychologie des Ministeriums für Staatssicherheit im Umgang mit den "Grenzverletzern": In welchen Fällen wurden die Mauerspringer einfach zurück in die Bundesrepublik verfrachtet, wann wurden Strafprozesse angestrengt, im Sinne der Propaganda in die Öffentlichkeit getragen oder im Gegenteil hinter verschlossenen Türen geführt. "Geld", "Beistand", "Heimweh", "Liebe", "Sehnsucht", "Verwirrung", "Republikflucht" oder "Aggression" heißen die Kapitel in "Dann geh doch rüber" und spiegeln die Diversität von Motiven und Geschichten des Sprungs von West nach Ost.

"Ich musste raus" und "Dann geh doch rüber" vermitteln Geschichte in mitreißender Weise und aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Eine lesenswerte Begleitlektüre im Jubiläumsjahr 2009.

 

Constantin Hoffmann: Ich musste raus. 13 Wege aus der DDR. Mitteldeutscher Verlag, Halle, 2009, 223 Seiten, 19,95 EUR, ISBN-13: 978-3898126120.

Martin Schaad: Dann geh doch rüber. Über die Mauer in den Osten.  Christoph-Links-Verlag,  Juli 2009, 207 Seiten, kartoniert, 16,90 EUR, ISBN: 3861535165

 

Julia Scaramuzza

 

 

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