Im Westen nichts Neues – Das letzte Opfer

21. August 1989: Kurt-Werner Schulz als letzter DDR-Flüchtling auf österreichischem Boden getötet

Im Westen nichts Neues – Das letzte Opfer

©Bundesarchiv B 145 Bild-F079010-0034 | Gedenkstätte Peter Fechters (1988)

Nicht an der deutsch-deutschen, sondern an der österreichisch-ungarischen Grenze ist das letzte Opfer des Eisernen Vorhangs zu beklagen. Genauer gesagt: 15 Meter hinter der Grenze, auf österreichischem Territorium starb der Weimarer Architekt Kurt-Werner Schulz - bei einem Fluchtversuch mit seiner Lebensgefährtin und seinem Sohn - den letzten Tod eines flüchtigen DDR-Bürgers. Eine Kugel eines ungarischen Grenzsoldaten traf ihn im Mund.

Geschlossen sind Ständige Vertretung in Ost-Berlin und die bundesdeutsche Botschaft in Budapest. Das Paneuropäische Picknick nutzten 661 DDR-Bürger zur Flucht gen Westen. Der "Eiserne Vorhang" scheint erste Risse zu bekommen, in der Nähe von Sopron brachen Oppositionelle das erste Stück aus der Berliner Mauer. Die Außenminister Ungarns und Österreich zertrennen symbolisch Stacheldraht, um die Annäherung beider Staaten zu verdeutlichen; und doch ist das Passieren der Grenze von Ungarn nach Österreich noch immer nicht erlaubt. Zwar wurde der ungarische Schießbefehl aufgehoben, gefährlich blieb der Aufenthalt in Grenznähe jedoch immer noch. Schon allein, um die Genossen des Warschauer Paktes nicht zu beunruhigen.

Bereits seit dem 01. August baut Ungarn seine Grenzanlagen an der ungarisch-österreichischen Grenze ab und lässt verlautbaren, dass bis zum Jahre 1991 diese Grenze aussehen werde, wie jede andere westeuropäische Grenze auch. Grenzsoldaten zerschneiden Stacheldraht und rollen diesen auf. Der "Eiserne Vorhang" bröckelt. Innerhalb der nächsten Wochen finden sich zehntausende DDR-Bürger in Budapest und Umgebung ein, mit dem Entschluss, nicht mehr in die DDR zurückzukehren. Dieser Ungarn-Urlaub soll der Flucht dienen.
Viele von ihnen nehmen die Ereignisse der letzten Tage und Wochen um das Paneuropäische Picknick herum zum Anlass, sich die ungarisch-österreichische Grenze aus der Nähe anzusehen und bei Gelegenheit auch gleich Österreich selbst zu besuchen. Häufiger kam es dabei vor, dass flüchtige DDR-Bürger von ungarischen Grenzsoldaten aufgegriffen und in Kasernen geführt wurden. Man nahm die Personalien auf und ließ die Aufgegriffenen wieder frei. Manche von ihnen wurden vier, fünf Mal in eine Kaserne gebracht; immer wieder bei einem Fluchtversuch haben sie sich aufgreifen lassen. Teilweise haben hochrangige Offiziere den Republikflüchtigen gesteckt, sie sollen doch durch den Wald die Flucht versuchen. Der werde schließlich nicht bewacht.
Die Ungarn erweisen sich als liberal. Flüchtige werden aufgegriffen, um der DDR-Regierung zu signalisieren: "Seht her! Wir passen auf, dass euch keiner eurer Landesverräter entkommt." Und nach der Freilassung wird den Flüchtlingen ein weiterer Fluchtversuch gewährt. Diese und andere Geschehnisse und Entwicklungen in Ungarn veranlassten nun viele DDR-Bürger den Ungarn-Urlaub zur Flucht zu nutzen oder eine geplante Flucht als Ungarn-Urlaub zu tarnen.

So dachten auch Gundula Schafitel und Kurt-Werner Schulz. Beide sahen im Rahmen ihrer genehmigten Kurzurlaube in den Westen, wie unbeschwert und frei Freunde in der Bundesrepublik leben können und dürfen. Schnell steht für beide fest, sie wollen nicht länger in diesem Staat, der seine Bewohner einsperrt, bleiben. Meinungs-, Reise- und Wohnfreiheit, Demokratie, Selbstbestimmung - das war es, was ein Leben im Westen so anders machte. Zu klein war dagegen die Hoffnung auf Reformen, zu gering das Vertrauen in Gorbatschow und den sowjetischen Wandel. Immerhin wurden alle Reformbewegungen der Vergangenheit blutig niedergeschlagen: Ost-Berlin 1953, Ungarn 1956, Prag 1968, Polen 1981 und nicht zuletzt China 1989. Beiden war klar, wenn hier die Panzer einrollen und die Soldaten einmarschieren, sind sie schon drüben.

Am 19. August 1989 fahren sie mit ihrem auffälligen, schwarzen Rallye-Trabi nach Ungarn. Ein Brief an die Schwester Gundulas kündigt die Flucht an. Noch am selben Abend kommt das Paar mit ihrem 1983 geborenen Sohn Johannes in Budapest an. Dort erfährt es von den Geschehnissen des Tages, dem Paneuropäischen Picknick, Sopron und der geglückten Flucht einiger Hundert DDR-Flüchtlingen. Sofort erklären die Weimarer, sie würden ebenso flüchten wollen, am liebsten sofort. Ein ungarischer Freund erklärt ihnen, dass eine Flucht noch immer gefährlich sei, dass es nicht ewig gut gehen würde ,und dass die DDR-Regierung derartige Fluchtwellen nicht lange dulden würde. Doch warten wollen Gundula und Kurt nicht mehr.

Zwar heißt es offiziell, dass die Grenze zwischen Österreich und Ungarn innerhalb der nächsten Monate passierbar gemacht werden soll, bewacht wurde diese allerdings noch immer. Das symbolische Durchtrennen von Stacheldraht durch die Außenminister Österreichs und Ungarns, das Paneuropäische Picknick und die allgemeinen Fluchtbewegungen tausender DDR-Bürger deuten es an, aber noch war der "Eiserne Vorhang" nicht endgültig gefallen, noch war er eine reale und tödliche Bedrohung und die Ausreise in den Westen war noch immer verboten.

Trotz aller Warnungen macht sich das Paar am Sonntag, den 20. August auf den Weg in Richtung Sopron, so nah an die Grenze wie es ihnen möglich war. Es ist sich sicher, dass bald wieder ein Grenzdurchbruch stattfinden würde.
In der Nähe der ungarisch-österreichischen Grenze wird das Auto Kurt-Werner Schulz‘ und Gundula Schafitels von einem ungarischen Grenz-Offizier angehalten. Die Deutschen halten sich in einem acht Kilometer breiten Grenzstreifen auf, den nur Anwohner oder Besitzer einer Sondergenehmigung betreten dürfen. In der ungarischen Kaserne werden schließlich die Personalien der drei DDR-Bürger aufgenommen. Vonseiten des ungarischen Offiziers bekommen sie zu hören, sie müssten wieder nach Hause fahren. Glück für das Paar mit Kind, denn normalerweise müsste die DDR-Botschaft informiert werden. Die Heimreise, eine Verurteilung und Gefängnisstrafe wäre den beiden sicher gewesen. Aufgrund der derzeitigen Umwälzungen und der Liberalität Ungarns herrscht ein unsteter Zustand. Die drei werden schließlich wieder freigelassen und verbringen anschließend die Nacht in ihrem Auto in der Nähe der Kaserne.

Am Morgen des 21. August 1989 machen sie sich wieder auf zur Grenze. Dass die Grenze wieder undurchlässig für sie ist, wissen sie nicht. Mit Hilfe einer Karte schaffen sie es bis zu dem Grenzdorf Répcevis. Eine ungarische Familie gewährt ihnen Unterschlupf und die drei Flüchtenden können sich und ihr Auto verstecken.
Als es dunkel wird, verabschiedet sich die dreiköpfige Familie von ihren ungarischen Helfern, Kurt-Werner Schulz schenkt ihnen seinen Rallye-Trabi, während Gundula Schafitel das Nötigste in einer Plastik-Tüte verstaut. Der ungarische Bauer weist ihnen den Weg in ein nahegelegenes Maisfeld, das ihnen Schutz bieten soll. Hinter dem nahen Stacheldrahtzaun, am Pappelwald beginnt Österreich. Als Gundula Schafitel, Kurt-Werner Schulz und ihr Sohn Johannes den Zaun erreichen, zerreißt ein sich überschlagender Knall eines Sturmgewehr-Schusses die nächtliche Stille. Kurt-Werner Schulz brüllt, Frau und Kind sollen rennen, rüber nach Österreich, sich in Sicherheit bringen. Gundula Schafitel und ihr Sohn laufen in den nahe liegenden Wald, um sich zu verstecken. Kurt-Werner Schulz bleibt zurück, stellt sich, um seine Familie zu schützen, zwei ungarischen Grenzern in den Weg.

Offiziell passiert daraufhin folgendes: Während Frau und Kind in den Wald flüchten konnten, haben die beiden ungarischen Grenzsoldaten Kurt-Werner Schulz erreicht. Dieser schleudert dem Soldaten eine Tasche in das Gesicht, sodass dieser taumelnd zu Boden geht. Als Schulz sich umwenden und zur Grenze laufen möchte, hält ihn der Grenzer am Fuß und reißt Schulz ebenso zu Boden. Daraufhin kommt es zu einer Rangelei auf dem Boden um die entsicherte Kalaschnikow des Grenzsoldaten. Bei dieser Auseinandersetzung rollen beide, unter den Grenzzaun hindurch, in das österreichische Territorium hinein. Plötzlich löst sich ein Schuss und Kurt-Werner Schulz bleibt mit einer Schusswunde im Mund-Rachen-Raum und einer Austrittswunde am Hinterkopf 15 Meter hinter der österreichisch-ungarischen Grenze regungslos liegen. Er stirbt noch vor Ort. Der Grenzsoldat, der mit Kurt-Werner Schulz um die Waffe rang, ist regungslos, befindet sich in einem Schockzustand, während sein Opfer aufgrund der Schwere seiner Verletzung verblutet.

Nach dem Fallen des zweiten Schusses und dem Ausbleiben einer Antwort auf ihre Rufe rennt Gundula Schafitel zurück in Richtung Grenze. Sie findet einen unter Schock stehenden Grenzsoldaten und ihren toten Mann vor. Auf den Boden gekniet, Schulz‘ Kopf im Schoß erstarrt sie, spürt warmes Blut über ihre Hände rinnen, die den Kopf ihres Mannes halten.
Die Schüsse bleiben nicht unbemerkt. Es kommen weitere ungarische Soldaten zur Grenze, fordern Gundula Schafitel und ihren Sohn auf, zurück auf ungarischen Boden zu kommen. Der Tote wird zurück über die Grenze gezerrt.


Kurt-Werner Schulz war das letzte Opfer des "Eisernen Vorhangs", das am späten Abend des 21. Augusts 1989 an der österreichisch-ungarischen Grenze auf österreichischem Territorium getötet wurde. Offiziell handelte es sich dabei um einen Unfall.
Als am 09. November 1989 die Berliner Mauer fiel, wünschte sich Gundula Schafitel, dass das alles nicht wahr wäre. Der Tod ihres Mannes durfte nicht umsonst sein. 

 

Zum Thema:

Zurück

Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte