Auf und davon

Zur Flüchtlingskrise im Sommer 1989

Auf und davon

Foto: Katrin Karow, Bundesregierung, B 145 Bild-00020293

"Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf", verkündet der schwerkranke Honecker am 14. August 1989 bei einem Besuch des Erfurter Kombinats Mikroelektronik. Es ist Honeckers einziger öffentlicher Auftritt in drei Monaten und eines der letzten Male, dass der SED-Gerontokrat den Mund zu voll nimmt. Weit über 100.000 DDR-Bürger warten in diesem Moment auf ihre Ausreise oder planen ihre Flucht aus der DDR. Die Massenfluchtbewegung des Sommers 1989 ist ein gewaltiger Aderlass für den schwer angeschlagenen SED-Staat und zwingt Ungarn und die Bundesrepublik zum Handeln.

"Wir fahren dieses Jahr in den Urlaub nach Ungarn." – Ostdeutsche, die das im Sommer 1989 vor Freunden und Verwandten von sich geben, werden nicht selten schief angeguckt und abgeschrieben. Denn tausende Ungarn-Urlauber treten in diesem Sommer die Heimreise nicht an, sondern flüchten über die ungarisch-österreichische Grenze nach Westdeutschland.

Die Grenze zwischen Österreich und Ungarn ist im ersten Halbjahr 1989 durchlässig geworden. Von der Sowjetunion geduldet, von der DDR-Führung beunruhigt zur Kenntnis genommen, beginnt die ungarische Regierung im April (offiziell erst ab dem 2. Mai 1989) mit dem Abbau der "technisch, politisch und moralisch veralteten" Grenzanlagen, wie es in einem ungarischen Bericht heißt. Bald kursieren in der DDR und Ungarn Gerüchte, dass die SED-Führung Reisen ins Bruderland verbieten könnte, zugleich registriert das ungarische Außenministerium, dass der Auswanderungsdruck in der DDR extrem hoch ist und die Einreisen nach Ungarn sowie die Zahl illegaler Grenzübertretungen durch DDR-Bürger deutlich ansteigen.

Vor einem Reiseverbot schreckt die DDR-Führung jedoch zurück. Die Stimmung in dem Auswandererland ist ohnehin schon außerordentlich schlecht, im ersten Halbjahr haben bereits 100.000 Bürger – so viele wie nie zuvor – einen Antrag auf Ausreise gestellt und das Bekanntwerden der Wahlfälschung im Mai hat der SED-Führung gerade erst einen schweren Schlag versetzt.  Dass die Einschränkung der Reisefreiheit – neben der mangelhaften Versorgungslage – eine der Hauptquellen der Unzufriedenheit ist, wissen die Parteioberen. Und mit einer Fluchtwelle rechnet im Frühsommer weder die Regierung Ungarns noch die DDR-Führung.

                             Flüchtlinge in der Deutschen Botschaft in Prag 1989, Foto: Seebode, Bundesregierung, B 145 Bild-00048987

 

Im Juni und Juli wagen erste DDR-Bürger die Flucht über die grüne Grenze. Die ungarischen Grenzsoldaten haben Befehl, Flüchtlinge am Grenzübertritt zu hindern, der Schießbefehl ist jedoch seit März 1989 aufgehoben, nur bei Angriffen auf die Grenzwache ist der Einsatz der Schusswaffe noch erlaubt. Am 19. August kommt es zur ersten Massenflucht. Während des Paneuropäischen Picknicks – einer von ungarischen Oppositionellen geplanten Veranstaltung, bei der die österreichisch-ungarische Grenze bei Sopron für wenige Stunden für die "einmalige, okasionelle Grenzüberschreitung" offen gehalten wird – gelingt über 600 DDR-Bürgern die Flucht. Westdeutsche Kamerateams filmen das Ereignis, die Bilder gehen um die Welt. In den folgenden Tagen kommt es immer wieder zu kleineren Massenfluchten, täglich gelingt 100 DDR-Bürgern die Flucht. Die ungarischen Grenzposten sind mit der Situation völlig überfordert, von ihren Vorgesetzten kommen keine klaren Handlungsanweisungen. Die unübersichtliche, gereizte Situation fordert ein Todesopfer: In der Nacht vom 21. zum 22. August wird ein Ostdeutscher, der mit Frau und Kind die Grenze illegal überqueren will, beim Gerangel mit einem Soldaten erschossen.

Ende August verschärft sich die Lage für die ungarische Regierung noch durch einen weiteren Umstand: Der 1. September, Schulanfang in der DDR, naht, und zu den ausreisewilligen Ungarnurlaubern gesellen sich viele Bulgarien- und Rumänienurlauber, die ihre Durchreise in die DDR unterbrechen, um die weiteren Entwicklungen an der österreichisch-ungarischen Grenze abzuwarten. Zehntausende DDR-Bürger halten sich nun auf völlig überfüllten, grenznahen Campingplätzen auf.

Andere versuchen im Juli und August auf das Gelände  der bundesdeutschen Botschaften in Ost-Berlin, Warschau, Prag oder Budapest zu gelangen um eine Ausreisegenehmigung zu erwirken. Am 8., 14. und 22. August werden diese Botschaften vorübergehend geschlossen, zugleich beginnt in den Westmedien eine Diskussion, wie viele Flüchtlinge noch aufgenommen werden können.

Im gesamten Monat August verlassen fast 21.000 Menschen die DDR in Richtung Westen. Weniger als die Hälfte von ihnen haben eine Ausreisegenehmigung. In den Straßen nahe der österreichisch-ungarischen Grenze künden verwaiste Trabbis und zurückgelassene Kinderwagen von der Verzweiflung der Flüchtlinge. Der Zeitzeuge Fritz Furkert erinnert sich an die erstem Momente nach der gelungenen Flucht: "Die Stimmung schwankte zwischen großer Erleichterung über die errungene Freiheit und zum anderen eine tiefe Bestürzung über die Folgen eines totalitären Systems, das mit menschenverachtender Politik ihre Bürger zu solchen Schritten gezwungen hatte."

Auch die Zurückgelassenen haben mit den Folgen der Massenflucht zu kämpfen. "Man wusste nie, wer am nächsten Tag noch da war.", erinnern sich viele Zeitzeugen. Es sind vor allem jüngere, gut qualifizierte Facharbeiter und Familien mit unter 18-jährigen Kindern, die das Land verlassen. In Krankenhäusern fehlt plötzlich Personal, Familien und Freundeskreise werden auseinander gerissen und der Demokratiebewegung gehen die Mitstreiter aus. Der Historiker Stefan Wolle war 1989 Zeitzeuge der heftigen Debatten um Flucht oder Dableiben. Er gehörte zu denen, die blieben, um Veränderungen im Land zu bewirken. "Wir waren die Idealisten", erinnert sich Wolle. Obwohl man sich für die Freiheit einsetzte, hielt man jene, die sie einforderten, indem sie gingen, für egoistisch. Unter den Ausreisewilligen und Flüchtlingen waren einige dabei, "die wir gebraucht hätten", so Wolle. Dazu kam das Gefühl, dass die SED durch die Ausreise- und Fluchtbewegung am bequemsten ihr Widerstandspersonal loswurde.

Als die Flüchtlingskrise Ende August immer deutlicher wird, tritt die ungarische Regierung in Geheimverhandlungen mit der Bundesrepublik. Verhandlungen zwischen Ungarn und der DDR verlaufen ergebnislos, da die SED-Führung die Ausreisebewilligung für in Ungarn aufgegriffene Flüchtlinge rigoros ablehnt. Schließlich lässt die ungarische Regierung in der Nacht vom 10. auf den 11. September die Grenzen öffnen, einen Schritt, den die DDR-Propaganda trotzig kommentiert: "Die illegale Nacht- und Nebelaktion zur Abwerbung in Ungarn befindlicher DDR-Bürger ist generalstabsmäßig vorbereitet worden", so die Nachrichtensprecherin Renate Krawielicki in der 'Aktuellen Kamera'".

Mit der Grenzöffnung ist die Flüchtlingskrise jedoch noch lange nicht gelöst. Ende September halten sich 4000 Flüchtlinge in der Prager Botschaft auf, Anfang Oktober fahren Sonderzüge insgesamt 17.000 Botschaftsflüchtlinge in die BRD aus. Auch nach dem 9. November siedeln Ostdeutsche massenhaft nach Westdeutschland über und beeinflussen auf diese Weise das Tempo der Wiedervereinigung. Erst 1991 nimmt die Abwanderung von Ost nach West allmählich ab.

Miriam Neumann

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