Flucht aus dem ungarischen Sommer

Ingo Schulzes Sündenfallgeschichte "Adam und Evelyn"

adam und evelyn, ingo schulze

Urlaubsgeschichte mit flüchtigem Ende, "Adam und Evelyn"

"Adam und Evelyn" ist die Geschichte einer Reise. Sie ereignet sich im Sommer 1989. Nach dieser Reise gibt es kein Zurück mehr. Was als Urlaub begann, endet als Aufbruch in ein anderes Land. Zu Ende geht auf diese Weise aber auch eine Zeit voller Möglichkeiten. Ingo Schulze erzählt vom Leichtsinn der entscheidenden Monate mit wehmütig-heiterem Tonfall.

Es geht alles ganz leicht. Auch das Schwere. Eine Liebesgeschichte zu erzählen, zum Beispiel, die im Sommer 1989 spielt, gleichzeitig von Gewinnern und Verlierern handelt, die nach Urlaub schmeckt, nach Flucht und Hoffnung, und bei der sich en passant noch die Zerbrochenheit mitnehmen lässt, im Herbst, wenn alles vorbei ist, alles entschieden und kaum etwas übrig geblieben ist vom Sommer und vom alten Leben in der DDR.

Es geht. Sie liest sich gut, so eine Geschichte, in der ein Schneider namens Adam seine junge, schöne Freundin Evelyn betrügt, obwohl er sie liebt, in der die Betrogene nach Ungarn in den Urlaub fährt mit einer Freundin und dem Schulzes großspurigen Cousin aus dem Westen, dessen Feuerzeug übergroße Flammen wirft. So eine Geschichte nimmt langsam Fahrt auf, man hängt sich mit Adam in seiner alten Karre an die drei Vorausfahrenden, gelangt mit dem alten Wartburg durch die CSSR und Prag, gabelt eine Verlorene auf, die mit zwei Freunden durch die Donau in den Westen schwimmen wollte, aber zurückblieb und die Freunde verlor, sieht, wie Adam sie mitnimmt und im Kofferraum über die Grenze nach Ungarn schmuggelt. Man folgt der versprengten Gruppe an den Balaton, nach Budapest, überall Aufbruchstimmung, und es gilt Entscheidungen zu treffen, besonders für Evelyn: der protzige Wessi, der ein besseres Leben verspricht, oder doch der Damenschneider Adam, dem die Frauen nachrennen?

Im Osten bleiben oder über die Grenze, die sich zu öffnen scheint. Plötzlich werden andere Leben, "neue Leben"möglich, und alte bleiben zurück. Schulze zeichnet die keimenden und zerschellenden Hoffnungen nach, die Wünsche und ihre Risse, und er tut das, indem er seinen Erzähler ganz zurücknimmt und den Figuren das Wort überlässt. Dabei legt er die Höflichkeit Osteuropas, die Gastfreundschaft der Ungarn, die Rücksichtnahme der Gäste, die Verbindlichkeit und das Vertrauen, das vor dem Fall der Mauer, die sozialen Beziehungen kennzeichnete, in die Figurenrede, und auch den Westcousin lässt er deutlich zu Wort kommen, etwa wenn er sich als "zahlender Gast" aufführt und "Merde" statt "Scheiße" sagt.

In dieser Gespreiztheit könnte man Ironie vermuten, wie in dem allegorischen Titel, der auf Adam und Eva anspielt, wie in der Tatsache, dass wohl ein Paradies verloren ging, vermutlich sogar mehrere, das der Liebe und das einer Vergangenheit, als das Unentschiedene noch Gegensätze vereinte. Doch sind diese Konstruktionen, welche die individuellen Geschichten mit einer kollektiven verknüpfen, so einseitig wie der Versuch die Anstandshoheit des Ostens gegenüber dem taktlosen Westen in Szene zu setzen, dass sie dem leichten Buch über die Flucht aus dem ungarischen Sommerparadies einen künstlich-säuerlichen Nachgeschmack verleihen.

Jochen Thermann


Ingo Schulze: Adam und Evelyn. Roman. Berlin: Berlin Verlag 2008, 320 Seiten, € 18,-.

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