Wenn der Westen im Osten geschlossen bleibt

Am 14. August 1989 ließ das Auswärtige Amt die bundesdeutsche Botschaft in Budapest schließen

Pater Kozma erhält Auszeichnung

Protagonisten Genscher, Kozma © Bundesreg. B 145 Bild-00116837 Foto Wegmann

Die ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin ist bereits geschlossen, als das Auswärtige Amt in der Nacht vom 13. auf den 14. August 1989 die bundesdeutsche Botschaft in Budapest schließt. Die Vertretung ist überfüllt. Hunderte fluchtwillige DDR-Bürger haben sich in der völlig überlasteten Botschaft in Ungarn versammelt. Sie kommen spontan; aus dem Urlaub am Balaton oder gezielt mit der Absicht, der DDR für immer den Rücken zuzukehren.

Es gleicht einer kleineren Völkerwanderung: Mecklenburger, Sachsen, Thüringer, Brandenburger, Anhaltiner und Ost-Berliner; sie alle strömen gen Osten. Nachdem am 08. August die ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin geschlossen wird, stellt die Bundesregierung auch ihre Zahlungen zum Freikauf der DDR-Flüchtlinge ein. Zahlreiche DDR-Bürger machen sich daraufhin auf den Weg nach Budapest und Prag - trotz des Appells vonseiten des Kanzleramtes, nicht mehr in den bundesdeutschen Botschaften Zuflucht zu suchen. Innerhalb kurzer Zeit füllt sich die Budapester Botschaft, sodass in den Medien sogar von tausenden Flüchtlingen die Rede ist. Tatsächlich halten sich dort 180 ausreisewillige DDR-Bürger, darunter mehr als 30 (Klein-)Kinder auf. Am 14. August, einem Montag, bleibt die Botschaft in Budapest geschlossen. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) hat die Schließung per Weisung angeordnet. Das Auswärtige Amt erklärte bereits einen Tag zuvor, dass die Aufnahmekapazität der bundesdeutschen Botschaft in Budapest restlos erschöpft sei.

Abgesandte der Bundesrepublik führen unterdessen Verhandlungen mit Regierungsvertretern Ungarns, während sich Beamte des Auswärtigen Amtes zu ausführlichen Gesprächen mit DDR-Flüchtlingen in der Botschaft aufhalten.
Die Verpflegung der Botschaftsbesetzer erfolgt anfangs über Bundeswehr-Notrationen, bis entsprechende Abmachungen mit einem Hotel getroffen sind. Auch ein Arzt des Gesundheitswesens des Auswärtigen Amtes ist anwesend, um eine notdürftige medizinische Versorgung gewährleisten zu können. Geschlafen wird im Inneren des Botschaftsgebäude; auf Bänken, dem Fußboden oder sitzend an eine Wand gelehnt. Für die Bedürfnisse der Hygiene müssen die vorhandenen sanitären Einrichtungen genutzt werden, die jedoch aufgrund der Masse an Menschen kaum den Bedürfnissen genügen können.

Trotz der Botschafts-Schließung strömen immer mehr DDR-Bürger nach Ungarn und in die ungarische Hauptstadt. Sowohl in Budapest als auch am Balaton füllen sich die Campingplätze und Grünanlagen, übernachten Menschen in ihren Autos. Oft lassen Flüchtende am Ende ihrer Reise die Fahrzeuge, auf die sie jahrelang gewartet und gespart hatten, einfach zurück. In diesen Tagen und Wochen halten sich circa 30.000 DDR-Flüchtlinge in Budapest auf.
Eng beieinander liegen sie ab dem 14. August auf dem Boden der „Kirche zur Heiligen Familie“, notdürftig umsorgt von Pfarrer Imre Kozma. Eilig werden kurz darauf Notunterkünfte und Zeltlager auf dem Gelände des Gotteshauses und im Umfeld errichtet, um die Flüchtlingswelle einigermaßen auffangen zu können. Trotz aller Hilfsmaßnahmen bleiben die Flüchtigen skeptisch, vertrauen niemandem. Zu groß ist die Angst vor der Stasi, die sich tatsächlich auf den Dächern der Nachbarschaft einfindet, um das Geschehen zu beobachten. Auf Grund der Befürchtungen, Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR würden sich unerkannt in die Notunterkünfte begeben wollen, duldet Kozma auch, von Mitarbeitern des BND am Eingang seiner Kirche kontrolliert zu werden, während im Inneren der Kirche eine „Konsularische Vertretung“ entsteht, von welcher DDR-Flüchtige bundesdeutsche Pässe ausgehändigt bekommen.
Insgesamt betreuen Pfarrer Kozma und seine freiwilligen Helfer fast 50.000 Menschen.

Zehntausende Ost-Deutsche befinden sich mit abgelaufener Aufenthaltsgenehmigung in Budapest und Umgebung auf - ein Zustand, der nicht lange währen darf. Viele von ihnen spüren, dass in Ungarn Großes passieren wird, dass die Grenze nach Westen sich womöglich einen Spalt breit öffnen könnte.
Es folgt am 19. August 1989 das sogenannte, von österreich-ungarischen Oppositionsgruppen organisierte „Paneuropäische Picknick“, eine ungewöhnliche Art der Friedensdemonstration an der österreichisch-ungarischen Grenze in der Nähe der Stadt Sopron. Im Rahmen dieser Veranstaltung wird mit Zustimmung beider Staaten ein Grenztor symbolisch für drei Stunden geöffnet. Diese Möglichkeit nutzen 661 DDR-Bürgern zur Flucht nach Österreich. Die Vertreter der Bundesrepublik wissen nach Pfarrer Imre Kozma bescheid, lassen sich jedoch nichts anmerken.

Noch am 14. August schreibt Bundeskanzler Helmut Kohl einen Brief an den Staatsratsvorsitzenden der DDR Erich Honecker, in welchem es unter anderem heißt: „Auf die Dauer sind Belastungen unserer Beziehungen mit negativen Auswirkungen in allen Bereichen nicht auszuschließen.“. In gleichem Zuge macht Kohl das Angebot eines geheimen Treffens, das Honecker sogleich annimmt. Die zwei Tage später stattfindenden Verhandlungen müssen ergebnislos abgebrochen werden.

Nach zehn Tagen kommt Bewegung in die bundesdeutsche Botschaft Budapests: alle 180 Besetzer erhalten Reisedokumente des Internationalen Roten Kreuzes und werden daraufhin direkt von Ungarn nach Österreich ausgeflogen. MLe

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