Die Partei neben der Partei

Am 24. Juli 1989 rufen Theologen in der DDR zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei auf

Die Partei neben der Partei

Montagsdemo in Leipzig, Foto: Gahlbeck, BuArchiv, Bild 183-1990-0108-32

"In Osteuropa ist einiges in Bewegung geraten und viele Menschen bei uns empfinden dafür eine große Sympathie. (...) Dennoch muss man feststellen, dass die Situation immer noch insgesamt von einem lähmenden Ohnmachtsgefühl beherrscht wird. (...) So warten viele darauf, dass die herrschende Partei sich ändert, oder man wartet auf einen Mann wie Gorbatschow." (Auszug aus dem "Aufruf zur Bildung einer Initiativgruppe, mit dem Ziel eine sozialdemokratische Partei in der DDR ins Leben zu rufen" vom 24. Juli 1989)

Wer in den 1980ern in der DDR wählen geht, hat keine Wahl. Zwar gibt es neben der SED auch andere Parteien, diese gehörten jedoch alle der "Einheitsfront" bzw. dem "antifaschistisch-demokratischen Block" an. Alle Blockparteien erkennen den Führungsanspruch der SED an und halten am sozialistischen Entwicklungsweg sowie dem Bündnis zur Sowjetunion fest.

Die Begründung der Einheitsfront fällt in das Jahr 1945. Damals umfasst sie die gerade (wieder) zugelassenen Parteien KPD, SPD, CDU und LPD. Zur Durchsetzung der Einheitsfront und des kommunistischen Führungsanspruchs werden KPD und SPD 1946 zur SED zusammengeschlossen und in den Folgejahren mehrere Tausend Mitglieder der SPD, CDU und LPD aus ihren Parteien ausgeschlossen und verhaftet. Zusätzlich werden neue, linientreuere Blockparteien zugelassen, die CDU- und LPD-Wähler abwerben sollen.

Wer in den 1980ern in der DDR politisch andere Wege gehen will als die SED, engagiert sich – zumeist unter dem Dach der Kirche – in Gruppen, die sich mit Einzelfragen beschäftigten: Bildungsfragen, Umweltfragen, Friedensfragen, der Frage von Menschenrechten etc. Viele dieser Gruppen werden in ihrer Arbeit empfindlich von der Staatssicherheit gestört, andere kämpfen mit starker Fluktuation oder dem niedrigen Grad an Organisation und Verbindlichkeit. So konnte in den Gruppen "zwar viel diskutiert, aber letztlich zu wenig getan werden.", erinnert sich Markus Meckel, der in den 1980er Jahren Pfarrer in Mecklenburg Vorpommern und Leiter einer ökumenischen Begegnungsstätte in Sachsen-Anhalt war.

Gemeinsam mit dem Theologen Martin Gutzeit sucht Meckel Ende der 1980er nach Alternativen, um oppositionelle politische Arbeit zu organisieren. Im Januar 1989 beschließen beide, eine sozialdemokratische Partei zu gründen. Freunde, denen sie von ihrer Idee erzählen, reagieren zunächst reserviert: Das Ganze klingt zu gefährlich, zu unverständlich oder zu utopisch. Ein Programm muss her, damit die abstrakte Idee Konturen bekommt.

Das Gemeindehaus in Schwante

Am 24. Juli ist es soweit: "Bei rotem Wein und guten Mutes" stellen Meckel und Gutzeit ihren "Aufruf zur Bildung einer Initiativgruppe, mit dem Ziel eine sozialdemokratische Partei in der DDR ins Leben zu rufen" fertig. Das Dokument ist ein direkter Angriff gegen die SED und stellt – nach dem gelungenen Nachweis der Wahlfälschung vom 7. Mai 1989 – bereits die zweite grundsätzliche Infragestellung ihres Wahrheits- und Machtmonopols dar. "Eine zusätzliche Schärfe erhielt unsere Absicht für die SED dadurch, dass wir nicht nur eine Partei, sondern auch noch eine sozialdemokratische Partei gründen wollten.", so Meckel später. Unterschrieben wird der Aufruf schließlich von Gutzeit, Meckel, Helmut Becker, Arndt Noack und Ibrahim Böhme. Letzterer wird knapp 2 Jahre später als IM enttarnt.

Am 26. August 1989 wird der Aufruf in der Berliner Golgatha-Gemeinde erstmals einem größeren Publikum vorgestellt. Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, findet schließlich der formelle Gründungsakt im Gemeindehaus in Schwante statt. Der Name der neuen sozialdemokratischen Partei lautet: SDP.

Zum Weiterlesen:

Dokumente zur Sozialdemokratischen Partei der DDR (Aufrufe, Erklärungen, Aussagen, Interviews, Wahlwerbung etc.)

Dokument "Aufruf zur Bildung einer Initiativgruppe, mit dem Ziel eine sozialdemokratische Partei in der DDR ins Leben zu rufen."

Rückblick von Markus Meckel auf die Gründung der SDP

Miriam Neumann

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