Geschichte ohne Öffentlichkeit

Anmerkungen zu einer Debatte über das Internet

Geschichte ohne Öffentlichkeit

Nicht jeder ist ein Freund des Internet – Auftakt einer Debatte in der Zeit

Die Medienwelt verändert sich radikal. Das hat auch Folgen für die Formen von Öffentlichkeit und das Bewusstsein von Geschichte – ein Einwurf zu einer aktuellen Diskussion über Medienkonsum in Zeiten des Mausklicks.

Medien formen Geschichte. Die Aufzeichnungen, die wir von der Vergangenheit besitzen, nicht weniger als ihre Darstellungen, geschehen notwendigerweise in medialer Form und prägen damit indirekt immer auch unsere Geschichtsbilder. Darüber hinaus drängt die Macht der Medien besonders seit dem 20. Jahrhundert so sehr in den Vordergrund, dass Medien gewissermaßen zu einem Akteur der Geschichte werden. Für die friedliche Revolution etwa war das Westfernsehen mehr als eine neutrale Berichterstattung. Die Bilder jubelnder Botschaftsflüchtlinge in Prag oder der Montagsdemonstrationen in Leipzig stärkten in dem Maße der Opposition den Rücken wie sie die Legitimation der SED aushöhlten.

Welche Auswirkungen hat nun das Internet auf die Gesellschaft und unser Bewusstsein von Geschichte. Seit den 90er Jahren spricht man von einer digitalen Revolution, und bezeichnet damit die Umwälzungen des sozialen Lebens, die Computer, Internet, Handys, Digitalfotographie, E-mail etc. mit sich bringen. Für den Historiker bedeutet dies in erster Linie das Anwachsen von Quellen in einem ungekannten Ausmaß. Aber abgesehen von der Unüberschaubarkeit der historischen Zeugnisse hat jüngst eine Mediendebatte eingesetzt, die auf ganz andere Weise die Beschäftigung mit Geschichte betrifft.

Ausgangspunkt dieser Auseinadersetzung ist der Aufmacher von Adam Soboczynski im Feuilleton der Zeit vom 20. Mai. Soboczynski polemisierte dort unter der provokanten Überschrift "Das Netz als Feind" gegen jene Stimmen, die im Internet ein besonders demokratisches Medium sehen und die ungehinderte Teilnahme an gesellschaftlichen Debatten in Blogs, Foren und Kommentaren als publizistischen Zugewinn feiern. Soboczynski beklagt dagegen die Dummheit vieler Kommentare und wettert gegen den Qualitätsverlust im Vergleich zur Papierzeitung. Denn leicht Bekömmliches verspreche mehr Klickzahlen als ein argumentationslastiges Feuilleton und werde daher in journalistischen Portalen bevorzugt. Diese Klage geschieht vor dem Hintergrund einer Krise der Zeitung, da Qualitätszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung oder der Tagesspiegel – nicht zuletzt durch die mediale Konkurrenz des Internet, das Nachrichten kostenlos zur Verfügung stellt – in ihrer ökonomischen Existenz massiv bedroht sind.

Muss sich der Zeithistoriker insofern nicht fragen, ob die Inflation der Quellen tatsächlich das vordringliche Problem der digitalen Revolution darstellt? Denn möglicherweise wird Geschichte irrelevant, wenn die Software von Google Analytics dem Seitenbetreiber zeigt, dass die durchschnittliche Verweildauer des Lesers einer historischen Analyse unter einer Minute liegt. Damit droht der zeitgeschichtliche Essay, der an abseitiger Stelle im Netz erscheint, einer breiten Öffentlichkeit durch die Maschen zu gehen. Das sich abzeichnende Zeitungssterben würde insofern auch das kollektive Nachdenken über Geschichte einengen, da mit den Qualitätszeitungen die Aufmerksamkeit für intellektuelle Auseinandersetzungen absterben würde. Die großen Debatten der letzten 20-30 Jahren fanden schließlich in den Feuilletons der Tageszeitungen ihren Austragungsort, und das für unseren Kontext Bezeichnende ist, dass im Zentrum der zwei größten Debatten – der Historikerstreit und die Walser-Bubis-Debatte – zeitgeschichtliche Fragen standen. Diese Debatten zählen zu den Momenten, in denen die Zeitung ihr vergängliches Tagesgeschehen überwindet und selbst ein Stück Zeitgeschichte schreibt. Sie werden aber vor allem, nicht zuletzt durch ihre Reflexion auf Geschichte, zu einem Ort öffentlicher Selbstverständigung.

Der Niedergang der Tageszeitung und der Aufschwung des Digitalen wird voraussichtlich die überkommene Form von Öffentlichkeit umwandeln. Wo wird dann der mediale Ort sein, an dem sich eine Gesellschaft ihrer Geschichte vergewissert? Ist eine Kontroverse wie der Historikerstreit im Internet vorstellbar? Wenn nun das historische Bewusstsein nur noch in den Nischen des Internets überlebt, dann droht auch eine historisch fundierte und reflektierte demokratische Öffentlichkeit zu zersplittern. Geschichtsbewusstsein wäre dann das Hobby einer Minderheit.

Inwiefern es auch in der Netzwelt gelingt, einen gemeinsamen öffentlichen Kommunikationsraum zu etablieren, der historische Positionierungen einschließt, ist noch eine offene Frage. Der mediale Umbruch dauert an. Viel wird davon abhängen, ob jenseits der Hysterie der Nachrichten ein reflektierter öffentlicher Austausch stattfinden wird, in dem sich ein Geschichtsbewusstsein herausbildet – ob sich also die digitalen Splitter zu einem übergreifenden Kontext zusammensetzen oder ob die Abrichtung des vereinzelten Medienjunkies durch die Newsflashs der Infotainmentportale das Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte löscht.

Jochen Thermann

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