Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Osteuropa im Juni 1989

Osteuropa

Orte des Geschehens – Ostberlin, Warschau, Danzig, Budapest © Google

Die Veränderungen in Osteuropa schritten höchst unterschiedlich voran. Die DDR-Führung demonstrierte allem Reformgeist in Polen und Ungarn zum Trotz konsequente Engstirnigkeit. Doch eine entscheidende Weiche wurde im Frühjahr 1989 in Budapest gestellt, die auch die Parallelwelt der DDR aufbrechen sollte und den Lauf der deutschen Geschichte entscheidend beeinflusste.

Im Juni 1989, wenige Monate vor dem Mauerfall, bot der Ostblock ein uneinheitliches Bild. Dass sich bis zum Ende des Jahres nicht nur Ungarn und Polen, sondern auch Staaten wie die DDR oder Rumänien massiv umgestalten würden, war vor dem Sommer 1989 nicht abzusehen. Vielmehr zeigte sich dem politischen Beobachter ein Osteuropa der zwei Geschwindigkeiten. Während in Polen die Solidarność im Juni in halbfreien Wahlen einen triumphalen Wahlsieg errang, beglückwünschte die DDR die chinesische Führung zum Massaker von Peking. Und während in Ungarn die kommunistische Partei ihren Alleinherrschaftsanspruch fallen ließ und den einstigen "Landesverräter" Imre Nagy, der nach dem Ungarn-Aufstand 1956 hingerichtet worden war, rehabilitierte und seine Gebeine umbettete, ging Ceaușescu in Rumänien mit diktatorischer Willkür vor. "Dorfsystematisierung" hieß seine unmenschliche Maßnahme, mit der die Hälfte der rumänischen Dörfer dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, um die Bevölkerung stattdessen in sogenannten "agroindustriellen Zentren" umzusiedeln, wo ihre Arbeit besser kontrolliert werden konnte.

Die Außenpolitik Gorbatschows, sich von einer aktiven Hegemonialmachtpolitik gegenüber den osteuropäischen Satelliten zurückzuziehen, bewirkte eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Staaten waren sich weitgehend selbst überlassen. So brach sich in Polen und Ungarn der Reformwille der Länder mit patriotischer Unterströmung Bahn, und gleichzeitig verstockten die Diktaturen in der DDR, Rumänien und China umso mehr. Ließ sich das Ende der kommunistischen Alleinherrschaft in Ungarn und Polen noch als innenpolitische Angelegenheit darstellen, kam es im Frühjahr 1989 zu einem folgenreichen Schritt: die ungarische Regierung baute die Grenzsperren zwischen Ungarn und Österreich ab.

Der historische Schnitt in den Eisernen Vorhang geschah anfangs aus ganz pragmatischen Erwägungen. Grenzsoldaten rückten ständig bei Wind und Wetter aus, um festzustellen, dass das Wild der Grenzgegend den Eisernen Vorhang ignorierte und regelmäßig Fehlalarm auslöste. Die Erneuerung der veralteten Grenzanlagen hätte jedoch so viel Geld in Anspruch genommen, dass der ökonomisch geschulte Ministerpräsident Miklós Nemeth anregte, den Posten für die aufwändige Grenzsicherung ersatzlos zu streichen. Da die Ungarn seit 1988 den sogenannten "Weltpass" eingeführt hatten, der ihnen Reisefreiheit gewährte, wirkte der militärische Einsatz an der Grenze in dem reformfreudigen Land ohnehin übertrieben. In Moskau rückversicherte sich die ungarische Regierung Anfang März 1989, dass ein solcher Schritt keine unnötige Verstimmung auslöste. Gorbatschow leistete keinen Widerstand und am 2. Mai 1989 begann der Abbau der Grenzsperren.

Dass dies mehr als nur ein technischer Schritt war, wurde mit der Zeit überdeutlich. Gewissermaßen nachträglich, aber dafür mit umso mehr Sinn für die historische Dimension, zerschnitten am 27. Juni der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock ein Stück Stacheldraht in der Nähe der Grenzstadt Sopron. Der Vorgang verfehlte seine Wirkung nicht. Er wurde besonders von denjenigen Bürgern der DDR registriert, die es in der abgewirtschafteten Diktatur nicht mehr aushielten. Als die Feriensaison begann, fuhren mehr als Hunderttausend DDR-Bürger nach Ungarn in den Urlaub. Unter ihnen wuchs die Zahl derjenigen, die nicht mehr in die DDR zurückkehren wollten, sondern hofften, über die grüne Grenze nach Österreich und von dort in die Bundesrepublik flüchten zu können. Der Jubel der Menschen, die schließlich am 11. September die ungarische Grenze überqueren durften und die nicht weniger euphorisch am 30. September die Prager Botschaft der Bundesrepublik verlassen durften, war zugleich ein Protestruf gegen die unerträgliche Lage in der DDR. Dies vollzog sich vor den Augen einer europäischen Öffentlichkeit.

Es bleibt Spekulation zu überlegen, was mit Europa geschehen wäre, wenn Ungarn die Grenzen nicht geöffnet hätte. Doch feststeht, dass die Öffnung des Eisernen Vorhangs eine Sogwirkung nach sich zog, welche den Fortlauf der Veränderungen beschleunigte. Sie löste den Flüchtlingsstrom aus, der die DDR delegitimierte, enormen Druck auf die Mauer ausübte und das Schicksal der osteuropäischen Staaten miteinander verkettete, bis die diktatorische Regierungen im Herbst 1989 wie Dominosteine fielen. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen fing an aufzuhören, als der Eiserne Vorhang zwischen Ungarn und Österreich durchlässig wurde.

Jochen Thermann

 

 

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