Zahnloser Bär

Am 4. und 18. Juni 1989 erleiden die Kommunisten in Polen eine historische Wahl-Schlappe

Freie Wahlen in Polen

Freie Wahlen in Polen, Werbeplakat der polnischen Botschaft in Berlin

Das Wahlplakat zeigt einen Sheriff. Über dem Sheriffstern prangt das Symbol der Solidarność. Statt eines Colts hält der Cowboy einen Wahlzettel in der Hand. Es ist Anfang Juni 1989. In Polen finden die ersten halbfreien Wahlen statt.

Polen, Ende der 1980er Jahre: Zahlreiche öffentliche Gebäude – vor allem Schulen und Krankenhäuser – sind in schlechtem Zustand, die Regale in den Lebensmittelgeschäften sind leer, das Volk ist wahlmüde, wie die Wahlen zum polnischen Abgeordnetenhaus im Oktober 1985 zeigen, eine depressive Stimmung liegt über dem Land. "Essen konnte man (...) nur Mitgebrachtes, denn in dem Supermarkt gab es außer Wodka und Tee nur Waren auf Lebensmittelkarten oder aber für Westwährung im (...) nächstgelegenen Devisenladen", so der ungarische Autor und Polen-Urlauber György Dalos.

Im Spätsommer 1988 kommt es zu zahlreichen Streiks, die polnischen Arbeiter verlangen die Anpassung ihrer Gehälter an die Preissteigerungen. Nach langwierigen Vorverhandlungen eröffnet im Februar 1989 endlich der Runde Tisch, der Regierung und Regierungsgegner miteinander ins Gespräch bringt. Im Ergebnis wird die oppositionelle Gewerkschaft Solidarność, eine der größten gesellschaftlichen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, legalisiert; für den Juni 1989 werden halbfreie Wahlen ausgerufen.

Für die Wahlen einigt man sich am Runden Tisch auf folgenden Kompromiss: 35 Prozent der Sitze im Sejm, dem polnischen Parlament, werden in freier Wahl bestimmt, die restlichen Sitze gehen an die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) und ihre Verbündeten. Dazu sind 100 Plätze im Senat, einer neu geschaffenen zweiten Parlamentskammer, zu vergeben. Die Wahl zum Senat ist frei.
Am 4. Juni ist es soweit: Nach 45 Jahren ungebrochener PVAP-Herrschaft fahren die Kommunisten in Polen eine historische Wahlniederlage ein. Im ersten Wahlgang gewinnt die Opposition 160 von 161 möglichen Mandaten im Sejm und 92 der 100 Senatssitze. Im zweiten Wahlgang, am 18. Juni 1989, erringen die Vertreter der Solidarność dann auch das letzte mögliche Sejm-Mandat und sieben weitere Senatssitze.

Kommunisten, verbündete Blockparteien und Oppositionelle sind von dem Wahlsieg der Solidarność gleichermaßen überrascht, die Macht der Kommunisten ist sichtbar gebrochen, wie die Wahlen zum Präsidenten und Premierminister im Juli und August zeigen werden.

Das polnische Wahlergebnis hat "dem kommunistischen Bären die Zähne gezogen", so der charismatische Solidarność-Führer und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa rückblickend. "Und als der zahnlose Bär erst einmal unfähig war zu beißen, konnte die Berliner Mauer niedergerissen werden."

Miriam Neumann

Lesen Sie zu diesem Thema in den nächsten Tagen auch einen Leitartikel sowie mehrere Interviews.

Zurück

Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte