NACHTRAG: Presseartikel zu 20 Jahren Tiananmen-Massaker

Zweiter Teil unserer Presseschau zum aktuellen Gedenken an das Tiananmen-Massaker

NACHTRAG: Presseartikel zu 20 Jahren Tiananmen-Massaker

Blick in die Presse, 3. bis 5. Juni 2009 © Nick Boos, Flickr/CC

Am 4. Juni 2009 jährte sich die gewaltsame Niederschlagung der chinesischen Protestbewegung zum 20. Mal. Wir werfen noch einmal einen Blick in die deutschsprachige Presse. Dort wird das Ereignis unter anderem als "Wendepunkt in der Geschichte Chinas" bezeichnet. Viele Autoren betonen, dass der Protest des Jahres 1989 und das Blutbad vom 4. Juni in China totgeschwiegen werden sollen. Deshalb müsse der Rest der Welt umso eindringlicher an die Protestbewegung erinnern.

Die Zeit am 4. Juni 2009 zum Tiananmen-Massaker:

Björn Rosen informiert in dem Artikel "Sieben Wochen Hoffnung" detailliert über die chinesischen Studentenaufstände von 1989. Er beschreibt die Ereignisse von Mitte April, wo sich hunderte Pekinger Studenten mit "naiven, symphatischen Gesichtern" versammelten um Hu Yaobang zu betrauern bis zum Morgen des 5. Juni: "An den Kreuzungen stehen die verkohlten Wracks von Autos und Bussen; Leichen liegen am Wegesrand. Es riecht verbrannt."
Frank Sieren beleuchtet den Besuch Günther Schabowskis in China, bei dem dieser ursprünglich herausfinden sollte, was wirklich auf dem Tiananmen-Platz geschehen war. Obwohl er die offizielle Version Chinas damals nicht kritisierte, habe er doch aus diesem Besuch gelernt, "niemals mit militärischer Gewalt gegen demonstrierende Bürger vorzugehen."
Angela Köckritz widmete sich der "zensierten Trauer", also der chinesischen Zensur bezüglich Tiananmens. Es gebe immer Möglichkeiten, die Zensur zu umgehen. Man kann in Codes und Chiffren kommunizieren. "So ist es auch zu erklären, dass Wang Dan ein Blog betreiben kann, das auch in China zu lesen ist, sogar sein Foto ist dort zu sehen. Täglich wird die Seite bis zu 2000 Mal angeklickt, noch ist ihm kein Zensor auf die Schliche gekommen. Wang war einer der Anführer der Proteste von 1989, der Klügste von ihnen."

 

Die Frankfurter Rundschau am 4. Juni:

Bernhard Bartsch vertritt die Ansicht, Tiananmen sei ein "Wendepunkt in der Geschichte Chinas" zur Demokratie: "Zwar ist die Volksrepublik noch immer eine Ein-Partei-Diktatur, von freien Wahlen so weit entfernt wie 1989. Aber das Verhältnis zwischen Volk und Regierung hat sich grundlegend gewandelt. Diese für alle Menschen spürbare Entwicklung hat mit den Demonstrationen von 1989 begonnen."
Karl Grobe widmet sich dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, der zum mit Waffengewalt erzwungenen Sozialvertrag gehört, sich nun tatsächlich erfülle und kommt letztlich zu dem Schluß: "China braucht ein allgemeines, gleiches Rechtssystem. Das ist die nachhaltige Botschaft vom Tiananmen-Platz aus den Wochen vor der gewaltsamen Repression. China soll das vergessen. Die übrigen drei Viertel der Menschheit kann es nicht unter Zensur stellen. Daher sollte jeder Kontakt genutzt werden, um zu erinnern – an die Repression und erst recht an die Hoffnungen und Ziele, die davor lebten. Nur: Business as usual – das funktioniert nicht."

 

Der Spiegel veröffentlichte am 3. Juni einen Zeitzeugenbericht in dem sich Andreas Lorenz, SPIEGEL-Korrespondent in China, an die Stimmung in Peking vor und nach dem Massaker und an den blutigsten Tag seiner Laufbahn erinnert: Lorenz fragt sich und seine Leser: "Aber hätte ein demokratisches China wirtschaftlich so erfolgreich werden können? Hätte es als Werkstatt der Welt jahrelang seine Arbeiter ausbeuten und über zehn Prozent Wachstum erwirtschaften und Europäern wie Amerikanern billige Hemden und Fernseher verkaufen können?"

 

Der Tagesspiegel, 3.-5. Juni:

Sven Bischoff stellt in "Die Helden des Tiananmen" zusammen, was aus einigen der überlebenden Hauptakteure der chinesischen Studentenbewegung von 1989 heute geworden ist: Wang Dan lebt nun nach mehreren Jahren chinesischer Haft in Amerika und setzt sich dort für demokratischen Fortschritt in China ein, Wuér Kaixi ist nun Investmentmanager in Taipeh, während Regimekritiker und Literaturprofessor Liu Xiaobo heute wieder in Haft sitzt, weil er in der Charta 08 mit anderen China zu mehr Demokratie und Freiheit aufrief...
Benedikt Voigt ermahnt am 3. Juni Deutschland, sich der Toten von Tiananmen zu erinnern, denn möglicherweise ist durch sie der Weg zur Friedlichen Revolution in Deutschland geebnet worden: "Womöglich aber haben die Bilder der chinesischen Soldaten, die wehrlosen Menschen in den Rücken schießen, dann doch etwas bei der DDR-Führung bewirkt. Diese musste zwar den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze verantworten, vor einem Massaker an der eigenen Bevölkerung indes schreckte sie im Herbst 1989 zurück. Gott sei Dank."
Am 4. Juni berichtet derselbe über die nur in Hongkong und nicht in China stattfindenden Gedenkfeiern: "Bereits seit einigen Wochen gedenken vor allem die Demokraten in Hongkong des Tiananmen-Massakers. Seit zwei Tagen sind Hongkonger Studenten in einen Hungerstreik getreten, um an jene Studenten zu erinnern, die dies vor 20 Jahren auf dem Tiananmenplatz auch getan hatten." Er schließt ab mit dem Zitat Lee Cheuk-yan: "Hongkong ist das Gewissen Chinas."
Bernhard Bartsch berichtet unter dem Titel "Aufmarsch der roten Smileys" von Chinas Vorkehrungen für den Jahrestag des Ereignisses, das dort offiziell nicht stattgefunden hat. Der Platz wimmelte von zivil gekleideten Sicherheitsbeamten, die mit roten Smiley-Ansteckern und Regenschirmen gewappnet waren. Die Sperrung zahlreicher Internetportale kommentiert ein chinesischer Blogger (in einem der wenigen noch offenen Foren): "Wir haben offenbar einen neuen Feiertag: Der 4. Juni ist in China Internetwartungstag."
In "Höllischer Frieden" berichtete derselbe über die Geschichtsklitterung von Chinas bestverschwiegenstem und schmutzigstem Geheimnis heute, wie sich die Intellektuellen dennoch und gerade darüber austauschen, wie über die politische Situation 1989 von Zeitzeugen gesehen wurde und über die aktuellen Aktivitäten und Sichtweisen damaliger Dissidenten.
Patricia Hecht kommentiert die Reaktionen der intellektuellen Chinesen in Berlin zum Jahrestag von Tiananmen. Einige deutsche Schüler demonstrierten vor der chinesischen Botschaft, Chinesen schlossen sich dem Protest nicht an. Der Tagesspiegel befragte mehrere chinesische Studenten und Lehrer: Die meisten wollen nicht über das Ereignis reden. Wirklich deutliche Kritik an China heute und damals äußert nur eine Anhängerin der Falun-Gong-Gruppe, einer in China verfolgten Meditationsbewegung.

Auswahl: Iris Graeber

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