Die "chinesische Lösung"

Wie der 4. Juni den Herbst 1989 beeinflusste

Leipzig, Oktober 1989

Drohte der Bürgerkrieg? © Bundesarchiv Bild 183-1989-1023-022 Gahlbeck

China ist das Negativ der Friedlichen Revolution. Wochenlang hatten im April und Mai Millionen Menschen in China für Reformen und Freiheit demonstriert. In der Nacht zum 4. Juni kämpften sich Soldaten zum Platz des Himmlischen Friedens vor, schossen in die Menge und überrollten mit Panzern die Freiheitsbewegung - ein Verbrechen, das als "chinesische Lösung" auch auf den Herbst 1989 rückwirkte.

Die Schüsse gegen das Volk sollten das Machtkartell der kommunistischen Regierung festigen. Bis heute verbietet die chinesische Führung die Erinnerung an das Massaker. Eine staatlich gehütete Gedächtnislücke. Mit Medienzensur und Überwachung unterdrückt sie das kollektive Gedächtnis und öffentliche Gedenken, offenbart sich doch in der Gewalt gegen das eigene Volk die aggressive Selbstbehauptung des Apparats und eine Abkopplung staatlicher Macht von den Ansprüchen der Beherrschten.

Dies wirft ein markantes Licht auf das Herrschaftsverständnis auch der SED-Führung 1989, die sich nach der gewaltsamen Niederschlagung der Protestbewegung mit der chinesischen Regierung solidarisierte. Als Margot Honecker am 13. Juni in einer Rede vor Pädagogen von einer "kämpferischen Zeit" sprach, in der man notfalls auch"mit der Waffe" in der Hand den Sozialismus verteidigen müsse, wurde deutlich, dass sich der wirklichkeitsvergessenen DDR-Führung die "chinesische Lösung" auch als Antwort auf die eigenen Probleme aufdrängen mochte. Dieser Eindruck musste sich noch verschärfen, als zu Beginn der revolutionären Entwicklungen im Herbst 1989 Egon Krenz zum Staatsbesuch nach China reiste.

Die Worte der DDR-Führung zum Tiananmen-Massaker sind insofern nicht allein Durchhalteparolen einer untergehenden Herrschaftselite. Dass der Einsatz von Gewalt eine Option für die SED-Politbürokratie darstellte, zeigt sich an der Verschärfung der Konflikte rund um den 40. Jahrestages der DDR-Gründung. In Ostberlin gingen Mitarbeiter der Stasi am 7. Oktober brutal gegen Demonstranten vor, in Plauen versammelten sich zeitgleich unzufriedene Menschenmassen, die mit Feuerwehrfahrzeugen auseinander getrieben werden mussten, in Dresden kommt es Anfang Oktober wiederholt zu Zusammenstößen. Entsprechend angespannt ist die Situation in Leipzig vor der Montagsdemonstration am 9. Oktober. Gerüchte und die für alle Bürger sichtbare Konzentration von bewaffneten Kampfgruppen erzeugen eine unheimliche Stimmung in der Stadt. "Es war ein schrecklicher Tag, muss man sagen", erinnert sich Christian Führer, der Pfarrer der Nicolaikirche, von dem die Montagsdemonstrationen ihren Ausgang nahmen. "Die Stadt wurde in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand versetzt. Armee war in Bereitschaft, Bereitschaftspolizei, gepanzerte Fahrzeuge, Warnungen in allen Ausbildungsstätten, Universitäten und überall, nur ja das Stadtzentrum zu meiden." Die Bürgerkriegsstimmung war keine irrationale Angst.  8000 Einsatzkräfte wurden zusammengezogen. Schon in der vorangegangenen Woche hatte die Einsatzleitung Hundestaffeln eingesetzt und Polizisten mit Helm, Schilden und Schlagstöcken ausgerüstet. Bewaffnet war die Polizei außerdem mit Maschinenpistolen. Zusätzlich wurden Hundertschaften der Nationalen Volksarmee nach Leipzig beordert. Manfred Gerlach, stellvertretender Staatsratsvorsitzender, erklärte im Rückblick: "Alle Beweise, die vorhanden sind, belegen ja eindeutig, dass man sich in Leipzig auf eine gewaltsame Auseinandersetzung vorbereitet hatte, auf die gewaltsame Niederschlagung und das Auseinandertreiben dieser Demonstration am 9. Oktober, und das wäre nach meiner Meinung mit Sicherheit das Auslösen eines Bürgerkrieges in der DDR gewesen mit einem Blutbad, das man in den Ausmaßen gar nicht beschreiben kann und das man sich auch nicht vorzustellen wagt."

Auch der Historiker Sascha Kowalczuk weist explizit darauf hin, dass ein gewaltsames Vorgehen der Exekutive im Raum stand: "Wer auch immer die Rede von der friedlichen Revolution erfunden haben mag, er scheint erst am Abend des 9. Oktobers erstmals hingeschaut zu haben. Es herrschte an diesem Montag eine unglaubliche Anspannung. Es gab nur ein Thema: kommt heute Abend in Leipzig die ‚chinesische Lösung’ oder kommt sie nicht?" Doch angesichts der Massen, die auf die Straße strömten, siegten die Skrupel vor einer gewaltsamen Auflösung der Demonstration. Die ratlosen Befehlsgeber warteten auf eine Anweisung aus Berlin. Sie blieb aus. Die Situation entschied sich von selbst. "Keine Gewalt" rief die Menge, "Wir sind keine Rowdies!", damit reagierte sie auf die im Vorfeld offiziell vertretenen Diffamierungen der Demonstranten als Rowdies und Konterrevolutionäre. Die Wortwahl wurde nicht zuletzt deshalb in der Bevölkerung empört aufgenommen, weil sie Erinnerungen an den 4. Juni in Peking weckte. Die demonstrierende Menge erfand schließlich ihren besten Schutz durch eine Parole. Als sie skandierte, "Wir sind keine Rowdies!", kam, so will es die Anekdote, ein Ruf aus der Menge - "Wir sind das Volk!". Ob die Anekdote stimmt oder nicht, ist weniger wichtig als ihre Botschaft: Es war eine Parole aus dem Geist der Masse geboren, mit der sie sich selbst bestimmte und damit auch das Selbstbestimmungsrecht des demonstrierenden Volkes einforderte. Vor dieser Macht mussten die Waffen schweigen. Diese erstaunliche Leipziger Lösung wird erst erfassbar vor ihrem historischen Hintergrund - und dazu gehört auch der 4. Juni in Peking.

 

Jochen Thermann

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