Entsetzen im Westen, Euphemismus im Osten

Medienberichte aus dem Jahr 1989 zum Massaker auf dem Tiananmen-Platz

Entsetzen im Westen, Euphemismus im Osten

Blick ins Archiv

Die Welt war entsetzt, als die chinesische Regierung Panzer gegen das eigene Volk einsetzte. Die DDR-Regierung hingegen solidarisierte sich mit der chinesischen Führung - das deutsche Rundfunkarchiv hat die "Verbundenheit" der DDR mit China dokumentiert.

Matthias Nass berichtet in der Zeit am 2.6.1989, also noch vor dem Massaker, ausführlich über die Machtkämpfe in der chinesischen Parteiführung und deren Reaktion auf die Studentenproteste. Er stellt klar, dass die "sieben Greise", die gewaltsam gegen die Studenten vorgehen wollen, sich durchgesetzt haben, glaubt aber nicht, dass sie die Zukunft Chinas bestimmen werden: "Auch wenn Chinas Revolutionsveteranen es nicht mehr begreifen: Die Geschichte ist über sie schon hinweggegangen. Sie fechten auf verlorenem Posten, das Volk steht gegen sie."

Nach dem Massaker stehen Augenzeugenberichte im Vordergrund. Der Beitrag der BBC-Nachrichten vermittelt noch heute den unfassbaren Schrecken der Nacht vom 3. auf den 4. Juni in Peking. Eine erschütterte Reporterin berichtete live aus Peking.

Unter den Worten der Woche in der Zeit am 9.6.1989 findet sich ein Satz, aus dem die Gewissheit spricht, dass das Verbrechen die chinesische Regierung fortdauernd belasten und sogar stürzen wird: "Der Anblick von so vielen Chinesen der nächsten Generation, ermordet auf der Straße, wird eine neue gewaltige Protestwelle schaffen, die die gegenwärtige Führung mit sich wegreißen wird." Han Dong Fang (Führer der Autonomen Föderation der Arbeiter von Peking)

Theo Sommer stellte in der gleichen Ausgabe die Frage, wie es zum Schießbefehl kam, und stellt Forderungen, wie die westlichen Staaten reagieren sollten: "Unzweideutige Verurteilung dessen, was in China geschah. Keine Teilnahme an Dengs Staatsbegräbnis (wenn er es denn noch erhält). Aussetzung aller staatlichen Bürgschaften für Exportgeschäfte. Kreditstopp bei Weltbank und Weltwährungsfonds. Vorbehalt weiterer Strafmaßnahmen, wenn es zu einer Nacht der langen Messer, zu Schauprozessen oder anderer Verfolgung kommen sollte. Und: Aufenthaltsgenehmigung samt Studienunterstützung für alle chinesischen Studenten in den westlichen Ländern."

Eine Woche später berichtete Die Zeit über den Terror der Verhaftungen, die auf den 4. Juni folgten: "Chinas Regime bietet der Welt ein widerwärtiges Schauspiel: Auf das Massaker in den Straßen Pekings folgt nun eine Verfolgungswelle von abstoßender Brutalität, auf den Amoklauf der Soldaten die kaltblütige Abrechnung mit der Demokratiebewegung."

Ganz anders dagegen die offiziellen Reaktionen der DDR auf die blutige Niederschlagung der Proteste. Die Nachrichtensendung der DDR "Aktuelle Kamera" berichtete über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit den Worten: "Einheiten der chinesischen Volksbefreiungsarmee haben in der vergangenen Nacht den Tiananmen-Platz in Peking geräumt, teilte das chinesische Fernsehen mit, weil Konterrevolutionäre den Sturz der sozialistischen Ordnung beabsichtigt haben." Das Deutsche Rundfunkarchiv stellt Informationen zu den Hintergründen der chinesischen Studentenproteste und zur DDR-Berichterstattung dem Hörzitat zur Seite.

Der Volkskammerabgeordnete Ernst Timm verliest am 8.6.1989 eine Erklärung, in der sich die Abgeordneten der Volkskammer nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens solidarisch mit der Volksrepublik China erklären und sich gegen eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes aussprechen. Die Rede ist in einem Video des Deutschen Rundfunkarchivs auch im Netz zu finden.

Auch der Besuch des chinesischen Außenministers Qian Qichen in Berlin im Juni 1989 ist im Deutschen Rundfunkarchiv dokumentiert. DDR-Außenminister Oskar Fischer versichert dem chinesischen Amtskollegen eine Woche nach dem Massaker "die Solidarität und Verbundenheit mit der Volksrepublik China und dem chinesischen Brudervolk." Die unheimliche Verbrüderung zwischen den Machthabern Chinas und der DDR gipfelte im "Freundschaftsbesuch" von Egon Krenz in Peking im September 1989.

 

 

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