20 Jahre Tiananmen-Massaker im Spiegel der Medien

Aktuelle Reaktionen

Presseschau

Stimmen zu den niedergeschlagenen Studentenprotesten © N. Boos

Am 4. Juni jährte sich die gewaltsame Niederschlagung der chinesischen Protestbewegung zum zwanzigsten Mal. Die Reaktion in China: Kein Wort in der staatlich kontrollierten Presse, Sperrung aller wichtigen Kommunikationsportale im Internet, eisiges Schweigen. In Deutschland dagegen widmet sich die Presse dem Ereignis intensiv. Die Meinungen dazu gehen nicht weit auseinander, nur der Fokus ist unterschiedlich: Mal erfährt man mehr über die aktuelle Zensur, mal mehr über die Hintergründe oder Folgen des blutigen Ereignisses.

Die Frankfurter Rundschau fasst die chinesische und internationale Reaktion auf den Jahrestag des Massakers zusammen: Während China die Opfer weitgehend ignoriert und sich jegliche Einmischung von Außen verbittet, äußert man sich in anderen Ländern kritisch. Hillary Clinton forderte China auf, endlich eine ehrliche Bilanz zu ziehen, der Dalai Lama rief China zum Gedenken an die Opfer und zu Reformen auf und auch der  taiwanesische Präsident Ma Ying-jeou richtete klare Worte an China, man müsse sich den Ereignissen stellen und die Menschenrechte einhalten, damit so etwas sich nicht wiederhole. Bundeskanzlerin Merkel erinnerte bei einem Treffen in Polen ebenfalls an die Opfer von Tiananmen.

Die TAZ berichtet wie China vor dem 20. Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz durch die Sperrung mehrerer Internetportale, Blogs und Foren, darunter You Tube, Twitter und Flickr, das Recht auf freie Meinungsäußerung stark einschränkt und die Angehörige eines damals Ermordeten und den Dissidenten Wu Gaoxing unter Hausarrest stellt.

Die Welt zitiert am 02. Juni 2009 in ihrer internationalen Presseschau einen Artikel aus The Nation, wie China heute "die in Tiananmen bewiesene Rigidität mit einer verblüffenden Flexibilität an anderen Fronten kombiniert." Daine Wai Lang, die unter den Protestierenden von 1989 war und nun in den USA lebt, warnt dagegen in der Prospekt vom 01.06.09: "Wir im Westen sollten Tiananmen nicht als Stock nutzen, mit dem wir auf China einschlagen. Wir sollten dem Land lieber helfen".


Sabine Pamperrien stellt sich in der Freitag klar gegen die Aussage der chinesischen Autorin Daine Wai Lang, es sei ein neues China entstanden, auf das man nicht mit Tiananmen einschlagen solle. Sie betont: "Die Erinnerung an die brutale Niederschlagung der Reformbewegung wird rigoros unterdrückt. Am Dienstag wurden sämtliche Web-2.0-Services wie Twitter, Flickr, Live.com, Hotmail.com, YouTube, Blogger und Bing sowie zahlreiche andere Seiten gesperrt." Doch sie hält dieses Vorgehen nicht nur aus westlicher Sicht für falsch: "Dass nicht nur die potenziellen Organisatoren von Gedenkveranstaltungen und Protestaktionen ihrer effektivsten Kommunikationsmittel beraubt sind, sondern auch all jene, deren Unwissen erhalten werden soll, könnte sich als Eigentor erweisen. Kaum vorstellbar, dass die für ihre Internetaffinität bekannten jungen Chinesen nicht wissen wollen, warum das Regime das komplette Social Web abschaltet."


Johnny Erling widmet sich in der Welt dem jungen später "Tankman" genannten Helden, der am 4. Juni 1989 in Peking sich allein vier Panzern entgegenstellte. Trotzdem sein Foto zu den bekanntesten der Welt außerhalb Chinas zählt, ist seine Identität bis heute unbekannt. Wahrscheinlich ist er am Leben.

Ein Video mit dem Augenzeugen Patrick Zachmann, der als Magnum-Fotograf in Peking war, erinnert im Spiegel online an die "Generation Tiananmen":

Am 04.06 09 brachte das Deutschlandradio Kultur im Radiofeuilleton eine Buchbesprechung zum Thema: Li Daweis Buch "Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam" (München 2009, 320 Seiten). Dort "trifft Roman auf Comic. Zur Zeit der Pekinger Studentenunruhen schließen zwei Sonderlinge Freundschaft - ein Kunststudent und der Kater Haohao. Die Verknüpfung zwischen realer Welt und Comiczeichnungen ermöglicht eine schonungslose Beschreibung dieser tabuisierten, unruhigen Zeit."

Im Mittelpunkt des Berichts der ARD-Korrespondentin Petra Aldenrath vom 04. Juni 09 stehen die Opfer des Massakers. Ding Zilin ist Mutter eines der damals ermordeten Studenten und heute Vorsitzende des Vereins der "Mütter des Tiananmen". Sie hofft, trotzdem China heute das Massaker immer noch totschweigt, dass die Bilder und Namen der Toten eines Tages veröffentlicht und ihrem Gedenken ein Museum gewidmet werden.

Der Deutschlandfunk berichtete am Morgen des Jahrestages von Tiananmen in einem Kalenderblatt zum Thema. Dass die Studenten Verbesserung und nicht Ablösung des Systems forderten, wie zunächst noch ein Dialog möglich schien und wie dann die Panzer sich durch viele Barrikaden zunächst aufgehalten ihren Weg zum Platz des Himmlischen Friedens bahnten, wird dargestellt. Die chinesische Regierung rechtfertigt den brutalen Militäreinsatz heute noch und verschweigt die Zahl der Toten.

In der Süddeutschen Zeitung erklärt der chinesische Schriftsteller Li Dawei, "Peking ist eine Stadt ohne Gedächtnis", da sie mit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz umgeht, als sei es ein "Sturm im Wasserglas". Er vergleicht dies auch mit den Dinosauriern, die spurlos von der Erde verschwanden. "Ein bedeutendes Phänomen wurde einfach ins Nichts gesogen, als hätte es niemals existiert." Auch wenn es sich heute recht unbeschwert in China leben lasse: "Unsere damalige Krise hätte durch eine Reihe weiser Reformmaßnahmen gelöst werden können, hätten die Entscheidungsträger diese Gelegenheit nicht versäumt. Die heutige Krise ist vielfach komplizierter. Immer mehr Menschen stellen fest, dass eine schmarotzende Minderheit auf Kosten der hart arbeitenden Mehrheit in Saus und Braus lebt. Diese Mehrheit wird sich vermutlich nicht wie die Studenten 1989 mit Straßendemonstrationen zufriedengeben, um ihrem Unmut Luft zu machen. Maos Geist ist in diesem Land noch lebendig, des Nachts streift er im Verborgenen umher." Sein Pessimismus rühre daher, dass er ein Kind des Kalten Krieges sei, eine Ära, die anderswo 1989 beendet wurde. "Aber vielleicht ist Peking ja auch noch längst nicht so weit, diese Ära wirklich abgeschlossen zu haben."

Der chinesische Schriftsteller Yu Hua, dessen Buch "Brüder" in China über eine Million mal verkauft wurde, spricht im Welt-Interview über die Studentenbewegung 1989, zu der er damals gehörte. Dort begriff er, was das Wort Volk bedeutet,  sagt er und "dass die Regierung das Feuer eröffnen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Wer auf dem Platz war, hat auch nicht damit gerechnet." Und: "Der 4. Juni markiert einen historischen Wendepunkt. Vor diesem Tag stand in China die Politik an erster Stelle, nach diesem Tag das Geld." In seinem Roman kommt der 4. Juni nicht vor, da er in einer ostchinesischen Kleinstadt spielt, nicht in Peking, aber mit der Gegenwart geht er sehr kritisch ins Gericht: "In den offiziellen Verlautbarungen wird ständig vom Sozialismus geredet, zu sehen aber ist nur Kapitalismus." Er ist überzeugt, dass in China auch ein politischer Wandel notwendig ist: "Der rasante wirtschaftliche Aufschwung hat viele soziale Probleme verdeckt, die ihre Ursache in der mangelnden Transparenz unseres politischen Systems haben. Der Aufschwung aber wird sich nicht unendlich fortsetzen. Die sozialen Probleme werden in den nächsten zwei, drei Jahren aufbrechen."

Anna Guhl in Neues Deutschland zu den Ereignissen in China: "Viele Aktivisten von damals, die das Land verlassen mussten, sehen wesentliche Forderungen des Jahres 1989 – nach freiheitlichem und pluralistischem Gedankenaustausch, politischer Transparenz und Rechtssicherheit – weiterhin auf der Tagesordnung." Das Trauma vom 4. Juni bestehe noch heute denn"(...) die Machtstruktur, die die brutale Zerschlagung der Proteste des Jahres 1989 zuließ, fördert heute privatkapitalistische Wirtschaftsreformen." Das Massaker hinterließ bis heute ein geistiges Vakuum: "Mehrere Generationen Chinas sind desillusioniert und für gesellschaftliche Werte und Ideen kaum mehr empfänglich."


Der Spiegel stellt am 04. Juni Hillary Clintons Aufforderung zur Aufarbeitung und die Reaktion Chinas darauf in den Vordergrund. "Die Aufforderung von US-Außenministerin Hillary Clinton, die Geheimhaltung um die blutige Niederschlagung der Proteste auf dem Pekinger Tiananmen-Platz 1989 aufzugeben, hat in Peking scharfe Kritik entfacht." Auch darüber, dass die staatlich kontrollierten chinesischen Medien den Jahrestag ignorieren, der Platz des Himmlischen Friedens für ausländische Journalisten und Tausende Blogs und Foren im Internet gesperrt sind, wird berichtet.




Iris Graeber

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