Die überrollte Göttin

Das Tiananmen-Massaker in Peking am 3. und 4. Juni 1989

Tiananmen Platz

Tiananmen-Platz, Peking, 20 Jahre nach dem Massaker © D'N'C

Spätes Frühjahr 1989: In Peking herrscht eine merkwürdige Stimmung. Auf dem Tiananmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens, nur wenige Meter neben dem Mao-Mausoleum und kurz vor dem Eingang zur Verbotenen Stadt, campieren Tausende Studenten. Anwohner bringen ihnen Töpfe voller Reis. Untergrund-Künstler treten öffentlich auf dem Platz auf. Von Demokratie ist die Rede. Am 30. Mai enthüllen Studenten eine selbst gefertigte Statue, die der Freiheitsstatue ähnelt und „Göttin der Demokratie“ genannt wird. Bahnt sich in dem kommunistischen Staat eine Revolution an?

Ende der 1980er Jahre ist die Unzufriedenheit in der chinesischen Bevölkerung groß. Infolge der Liberalisierung der Wirtschaft leiden Viele unter Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption und dem Ausbleiben der unter Generalsekretär Hu Yaobang versprochenen politischen Reformen. Als der inzwischen abgesetzte Yaobang am 15. April überraschend stirbt, bricht sich der Unmut Bahn. Vorwiegend Studenten besetzen für mehrere Wochen den Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Sie haben kein einheitliches Programm und viele von ihnen nur einen äußerst abstrakten Begriff von"Demokratie". Dennoch werden die Studenten als gefährlich angesehen, zumal sich ihre Entschlossenheit an einem öffentlichen Hungerstreik zeigt, mit dem sie die Machthaber im Politbüro zum Dialog zu drängen versuchen.

Die chinesische Führung wartet Mitte Mai einen Peking-Besuch von Michael Gorbatschow ab, dann werden innerhalb weniger Tage der als zu liberal angesehene Nachfolger Yaobangs, Zhao Ziyang, abgesetzt, der Kriegszustand ausgerufen, etwa eine Viertelmillion Soldaten um Peking zusammengezogen und die nationalen Medien unter Kontrolle gebracht.

In Shanghai und Hongkong kommt es zu Massendemonstrationen mit jeweils etwa einer Million Teilnehmer, Arbeiter solidarisieren sich mit den Studenten, auch Parteivertreter demonstrieren gegen das Kriegsrecht. Unter den protestierenden Studierenden in Peking kommt es indes zur Spaltung: Es gibt Abreisewillige und "Radikalere". "Tatsächlich hoffen wir, dass es ein Blutvergießen geben wird. Denn nur das wird dem chinesischen Volk die Augen öffnen", sagt die Studentenaktivistin Chai Ling Ende Mai. Fünf Tage später erfüllt sich diese „Hoffnung“ auf tragische Weise.

Am Abend des 3. Juni 1989 dringen Panzer und Mannschaftswagen in das Zentrum Pekings vor. Wie in den Tagen zuvor versuchen Zivilisten, die Armee aufzuhalten. Doch diesmal machen die Soldaten von ihren Schusswaffen Gebrauch. Gegen 21 Uhr fallen die ersten Schüsse; gegen 5 Uhr ist der Tiananmen-Platz weitestgehend geräumt. In den wenigen Stunden dazwischen werden mehrere hundert Menschen getötet und Tausende verletzt. Auf Parkbänken, mit Fahrrädern und Rikschas werden alle 10, 20 Sekunden Verletzte und Tote in die Krankenhäuser eingeliefert, berichtet eine entsetzte BBC-Reporterin vom Schauplatz. Während die chinesische Regierung später von etwa 240 toten und 7000 verletzten Soldaten und Zivilisten spricht, vermeldet das chinesische Rote Kreuz am 4. Juni den Tod von 2.600 Zivilisten.

Peking am 5. Juni 1989: Das Zentrum der Stadt gleicht einem Schlachtfeld. Auf dem Tiananmen-Platz liegen zerrissene Transparente und Zelte, verbeulte Fahrräder und Blutpfützen, die Göttin der Demokratie wurde überrollt.

Miriam Neumann

Lesen Sie zu diesem Thema in den nächsten Tagen auch einen Leitartikel sowie mehrere Interviews.

 

 

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