Spiegelungen

Reflektionen zur Zeitgeschichte im Film – damals und heute

Filmstill Material

Einer der Gefangenen aus "Material" von Thomas Heise

Gegenüberstellung deutsch-deutscher Geschichte vor dem Mauerfall, in Zeiten des Umbruchs und 20 Jahre später.

"Tatsächlich gibt es keine Wahrnehmung, die nicht mit Erinnerungen gesättigt ist."
Henri Bergson: Materie und Gedächtnis

Spiegelungen

Das Kino bzw. der Film ist seit jeher in besonderem Maße ein Seismograf gesellschaftlicher und politischer Strömungen und verweist in seinem Gestus auf die Verschränkung von Alltag und Utopie, Zeitgeist und Bekräftigung oder Infragestellung desselben. Die in Filmen sich abzeichnenden Gesten und Kodes, die in die Gesellschaft einwirken und vice versa die Rückwirkung der historischen gesellschaftlichen Umbrüche in die filmischen Stoffe und Ausdrucksformen verdeutlichen in welch hohem Maße gerade der Film innerhalb seines zeitgeschichtlichen Kontextes begriffen werden kann. Ob im dokumentarischen oder fiktionalen Film, die Visualisierung und Dramatisierung von Stimmungen, Träumen, Ängsten, Lebensentwürfen und Zustandsbeschreibungen dient als unerschöpfliches Reservoir der Vergegenwärtigung von Geschichte in Eindrücken und Einblicken.

Im Zentrum des Interesses steht deshalb die Frage wie sich gesellschaftliche Umbrüche in den Filmen manifestieren und, wenn ja, inwiefern die Fiktionalisierung von Geschichte aus heutiger Perspektive diese abzubilden vermag. Demgemäß bietet es sich an, einerseits einige im Vorfeld des politischen Umbruchs als auch kurz nach dem Mauerfall in der DDR entstandenen Filme exemplarisch vorzustellen und andererseits den Blick auf aktuelle Filme und TV-Produktionen zu richten, die Vergangenheit in welcher Form auch immer – verklärend und verdrängend oder erhellend und aufklärend –zu vergegenwärtigen suchen.

Mit anderen Worten: Wie spiegelt sich in den dokumentarischen Arbeiten und Spielfilmen der DDR aus den Jahren 1985 bis etwa 1990 die Lebenswelt der damaligen Zeit und inwiefern spiegeln sich in aktuellen Film- und TV-Produktionen der letzten Jahre und insbesondere des aktuellen Gedenkjahres, die sich dezidiert dem Thema der DDR und des Mauerfalls widmen, der Zeitgeist Deutschlands 20 Jahre nach dem Mauerfall: Spiegelungen – Zerrbilder oder Abbilder?

Zwei herausragende Werke, die sich aus unterschiedlichen zeitlichen Positionen heraus im weitesten Sinne mit ein und demselben Thema beschäftigen, werden deshalb die lose Reihe der Filmkritiken eröffnen. Peter Kahanes Spielfim DIE ARCHITEKTEN aus dem Jahr 1990, der, im Zeitraum von 1987 bis 1989 realisiert, ein eindrückliches atmosphärisches Bild der DDR kurz vor dem Umbruch zeichnet, und Thomas Heises elegischer Dokumentarfilm MATERIAL (Deutschland 2009), der auf der diesjährigen Berlinale beim Internationalen Forums des jungen Films seine Uraufführung hatte.
Winder AdeFolgen werden eine Besprechung von Helge Misselwitz Film WINTER ADÉ, der 1988 auf der Dokumentarfilmwoche in Leipzig für Furore sorgte – der Stadt, in der ein Jahr später die Friedliche Revolution auf der Strasse ihren Ausgang nehmen sollte, und DAS WUNDER VON BERLIN, eine deutsche Spielfilmproduktion aus dem Jahr 2008 von Regisseur Roland Suso Richter. Zwei Filme, realistisches Zeitdokument und Inszenierung von Geschichte, die denselben Zeitraum behandeln:  die DDR im Jahr 1988.

Da an dieser Stelle, wie erwähnt, in loser Folge nur einige Filme Erwähnung finden werden, sei an dieser Stelle auf zwei Publikationen und Filmreihen verwiesen, die anhand eines umfangreichen und spannenden Korpus’ an Filmen dezidiert der Verschränkung von Film und Zeitgeschehen unter filmhistorischen Gesichtspunkten nachgehen:

Die von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek, der DEFA-Stiftung, dem Bundesarchiv und der Firma Icestorm entstandene DVD-Edition “Parallelwelt: Film. Ein Einblick in die DEFA” versammelt 12 DEFA-Produktionen aus den Jahren 1946 bis 1990 und vermittelt einen eindringlichen Querschnitt an filmischen Ausdrucksformen, vom Propagandafilm bis zum künstlerisch ambitionierten Filmdokument, darunter so herausragende Werke wie DIE ARCHITEKTEN (Peter Kahane) und DIE MAUER (Jürgen Böttcher), beide aus dem Jahr 1990, und Filme, die inzwischen als Filmklassiker zu gelten haben, wie etwa DIE MÖRDER SIND UNTER UNS (Wolfgang Staudte, Deutschland Ost, 1946) oder BERLIN – ECKE SCHÖNHAUSER (Gerhard Klein, DDR 1957).

Eine Filmreihe im Verleih der Deutschen Kinemathek trägt in Anlehnung an Helge Misselwitz den Titel "Winter adé – Filmische Vorboten der Wende" und versammelt Spielfilme, Dokumtarfilme und experimentelle Arbeiten, die im Zeichen von Glasnost und Perestroika im letzten Jahrzehnt vor dem Ende des sozialistischen Systems in Osteuropa und Deutschland entstanden sind. Wenn auch der Fall der Mauer sowohl in Ost wie West mit ungläubigem Staunen und freudiger Fassungslosigkeit konstatiert wurde, so lässt sich aus der historischen Perspektive selbst innerhalb des von Zensur bestimmten Studiosystems der sozialistischen Länder und in den an der Peripherie des Kulturbetriebs entstandenen Filme leise aber eindringlich ein Wandel innerhalb der filmischen Sujets und formalen Ausdrucksformen beobachten, der auf die Unterströmungen eines als unverrückbar geltenden Systems verweist.
Weitere Infos unter www.deutsche-kinemathek.de


Schlussendlich sei all jenen, die mittels des Mediums Film einen tiefergehenden und besonders vielschichtigen Einblick in das Leben und den Alltag innerhalb der DDR und der Zeit danach erhalten wollen, die in ihrer Form einmalige und ausgesprochen beeindruckende Langzeitdokumentation DIE KINDER VON GOLZOW (Barbara und Winfried Junge, 1961-2007) empfohlen. "Diese Filme sind berührende, authentische Lebensgeschichten und ein einmaliges politisches und soziologisches Material: Junge und seinen Kameramännern gelang es tatsächlich, dem Leben bei der Arbeit zuzusehen."
(Film-Dienst)
Weitere Infos unter www.kinder-von-golzow.de


Angelika Ramlow

Zu diesem Thema finden sie hier in den nächsten Tagen ein Interview mit Rainer Rother dem künstlerischen Direktor der Deutschen Kinemathek.

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