"Die Wölfe" – ein gefeiertes Doku-Drama im Spiegel der Presse

Selten hat ein Dokudrama derartige Lobeshymnen ausgelöst

Die Wölfe, ZDF

"Die Wölfe", Geschichte einer Jugendbande © ZDF, Julia Terjung

"Grandios", "Großartig", "Meisterliches Fernsehen" - Die Presse feierte den Geschichtsdreiteiler "Die Wölfe". Das ZDF-Dokudrama zur deutsch-deutschen Geschichte wird in diesen Tagen auf Phoenix wiederholt. Grund genug, die Pressestimmen anlässlich der Ursendung im Februar zusammenzustellen.

Anhand der Berliner Jugendbande "Die Wölfe" erzählt der Film von Friedemann Fromm die Geschichte der deutschen Teilung und Wiedervereinigung - inklusive aller persönlichen Verwerfungen und Tragödien der sechs Protagonisten. Im Zentrum der Regina Ziegler Produktionen stehen die Themen Berlin Blockade, Mauerbau und Mauerfall in den Jahren 1948, 1961 und 1989.
Neben dem historischen Stoff stehen insbesondere die Verschmelzung der Spielszenen mit historischen Aufnahmen und das Schauspielerensemble im Mittelpunkt der TV-Kritiken:

Der Berliner Tagesspiegel spricht von großartig gemachtem Fernsehen und hebt vor allem den Kontrast zu den bekannten Doku-Drama-Formaten hervor. „Ein Doku-Drama der, sagen wir, Heinrich-Breloer-Schule, wäre mit Filmzitaten, Zeitzeugen und Kommentarstimmen immer wieder aus der Spielhandlung herausgetreten. Das Doku-Drama des ZDF geht anders vor. Es will eine, seine fiktionale Geschichte mit dokumentarischem Anspruch, das Erfundene wird durch das Gefundene beglaubigt, das Fiktionale durch das Faktische in den Stand des So-wird-es-gewesen-Sein gehoben.“
Im weiteren Verlauf des Artikels spricht der Autor vom Amalgam, das Spielszenen und historische Materialien bilden. "Die Wölfe [sind] großes, großartig gemachtes Fernsehen. Die Wirklichkeit der Zeitläufe dringt in den Spielfilm ein, trotzdem bleibt ihre Darstellung eine Kunst. Wie weit man kommt, wenn man sie beherrscht, dafür legt der Dreiteiler Zeugnis ab.“

Auch die Süddeutsche Zeitung richtet ihr Augenmerk auf die Machart des Fernsehfilms. „Leider merken die Verantwortlichen im ZDF offenbar selber nicht mehr, wenn einmal etwas ganz Besonderes gelingt und aus den handelsüblichen Vorgaben für die Entstehung von TV-Kunsthandwerk ein Kunstwerk geworden ist. Deswegen nennen sie diesen mitreißenden, wunderbaren Deutschlandfilm im Untertitel so abschreckend wie irreführend "Doku-Drama". Und das klingt ja doch immer ein bisschen nach krampfiger Stopselei aus Spielszenen mit historischem Anspruch und dokumentarischem Filmmaterial plus Guido-Knopp-artiger Volkshochschulertüchtigung, schlimmstenfalls garniert mit Experten- und Zeitzeugeneinblendungen.“
Aber auch die dramaturgische Anlage und schauspielerische Leistung werden gefeiert. „Das historische Material ist - wie bei jeder großen Erzählung - nur die Folie, vor der das Schicksal der Protagonisten sich entwickelt. Und die Schauspieler werden nicht von jung auf alt geschminkt im Laufe der 40 Jahre, in denen die Geschichte spielt. Das Produktionshaus Ziegler hat eine dreifache Besetzung spendiert, was erstaunlich geschmeidig funktioniert, weil die jeweils neuen Gesichter zu den großen Brüchen und Entfremdungen im Leben der Protagonisten gut passen [...] In der möglicherweise schönsten Szene stehen Bernd und Kurt (Felix Vörtler) leicht angeheitert vor der Mauer: "Hinter dem Beton passiert gerade Großes. Und wir werden absahnen." - "Mensch, dit sind allet Konsumenten. Ich kann det förmlich riechen." - Sie beschließen, auf ein paar entscheidende Grundstücke im Osten "die Hand zu legen". Dann heulen sie die Mauer an, wie hungrige Wölfe, die die Witterung wieder aufgenommen haben. Sie rechnen nicht damit, dass die eigene Geschichte sie noch einmal einholt.“

Die Berliner TAZ zeigt sich ebenfalls begeistert, wenn auch mit einigen Einschränkungen, die die TAZ gerade in der dramaturgischen Konzeption sieht „Das Dokudrama "Die Wölfe" ist großes Fernsehen mit exzellenten Schauspielern – wäre allerdings noch besser, hätte es dem Drama mehr vertraut als Guido Knopp [...] Doch "Die Wölfe" hat auch eine große Schwäche, die Klaus Wowereit offenbar entgangen ist: Der Film vertraut der Wucht des Dramas nicht und sucht fortwährend Beglaubigungen durch eingestreute Archivschnipsel.“

Auch die BILD feiert das Schauspielerensemble. „Beeindruckend als Stasi-Offizier: Matthias Brandt (47), Sohn von Alt-Kanzler Willy Brandt († 1992, „Guillaume-Affäre“). Die Rolle sei ihm, der Stasi-Spitzel Günter Guillaume kannte, fast wie auf den Leib geschrieben.
Brandt zu BILD: „Natürlich habe ich als Schauspieler davon profitiert, dass ich einen echten Spion kennengelernt habe: Ich konnte ansehen, wie einer von der Stasi denkt, wie so einer ist. Das hat mir Günter Guillaume geliefert.“
Die Entdeckung des Films ist jedoch eine andere: Nina Gummich, Jahrgang 1991 und damit jünger als das vereinte Deutschland. Sie spielt die quirlige FdJ-Aktivistin Silke im Nachkriegs-Berlin, als habe sie den Hunger des Krieges und die Hoffnung der Nachkriegsgeneration selbst erlebt. Ein großes deutsches Nachwende-Nachwuchs-Talent!“

Der Kölner Stadt Anzeiger lobt ebenfalls Auswahl und Leistung der Darstellerriege. „Doch nicht zuletzt ist es dem durchweg hervorragend agierenden Darstellerensemble zu verdanken, dass dieser packende Dreiteiler nie nach Geschichtsunterricht aussieht.“

Unter dem Titel „Aufwiedersehen Trümmerkinder“ spricht Spiegel Online von einem grandiosen TV-Dreiteiler und stellt vor allem die Generation Währungsreform in das Zentrum der Betrachtung.
„Der Dreiteiler "Die Wölfe" ist das bislang wohl eindringlichste fiktionale Porträt über die Nachkriegszeit, über die väterlosen Gründerväter der Bundesrepublik. Und wenn sich die Geschichte über vier Jahrzehnte spannt, vom Trümmer-Berlin der Währungsreformtage 1948 über das Mauerbau-Drama 1961 bis zur Grenzöffnung 1989, merkt man erst, wie wenig man bislang doch eigentlich im Fernsehen über diese Generation erfahren hat.“ Und schließt mit einer ebenfalls hymnischen Einschätzung des Dreilieilers. „Was als konventionelles Doku-Drama mit viel historischem Bildmaterial angekündigt wurde, entwickelt sich auf diese Weise zu einer komplexen Trümmerkindsaga, die einen ganz und gar ungefälligen Einblick ins Seelenleben der Bundesrepublik gewährt. So wurden wir, was wir sind.“

Lediglich die Frankfurter Rundschau zeigt sich enttäuscht. Gerade die Machart ist nach Ansicht der Frankfurter Rundschau dem Stoff nicht dienlich. „Die Schwierigkeit der Verdichtung von 40 Jahren auf dreimal anderthalb Stunden Fernsehfilm vermieden Christoph und Friedemann Fromm durch die Fokussierung auf drei Wendepunkte: Luftbrücke, Mauerbau und Mauerfall. Der Gefahr, die ohnehin mit geradezu welthistorischem Pathos aufgeladenen Geschehnisse noch einmal dramatisch zu überhöhen, konnten die erfahrenen Autoren ("Die Katze", "Unter Verdacht") dabei entgehen. Nicht entgehen konnten sie Guido Knopp.

Denn nicht in der Fernsehspiel-Abteilung des ZDF, sondern unter der Ägide des Mainzer Chef-Historikers entstand diese Regina-Ziegler-Produktion. Und das ist das Problem des Dreiteilers: Die Spielhandlung wird permanent unterbrochen durch dokumentarisches Material. Die Regie geht soweit, dass fiktive Sequenzen erst farbig, dann schwarz-weiß gehalten sind (oder umgekehrt), um den Anschluss an die Archiv-Schnipsel zu harmonisieren - ästhetisch fragwürdig und völlig überflüssig: Da soll ein Spielfilm seine Legitimation offenbar aus realer Geschichte beziehen, als ob er nicht aus sich heraus wirken könnte.“

Zurück

Highlights

Titelbild
Titelbild
Titelbild
left
1
right
"Wir waren auf jeden Fall ...mehr

Dossier

Dossiers zu unseren Schwerpunktthemen wie Ausblick, Alltag, Film, Wenderomane und und und ... mehr
Im Archiv der Auseinandersetzung finden Sie… mehr mehr

Partner:
 

Bundesstiftung AufarbeitungDie Bundesbeauftragte für die Unterlagen deStaatssicherheitsdienstes der ehemaligen DeutschenDemokratischen RepublikFreistaat Sachsen

 

Weitere Kooperationen:
 

Zentrum für zeithistorische Forschung PotsdamHumanities, Sozial- und Kulturgeschichte